Wenn die Liebe siegt, Janette Oke

  • Wenn die Liebe siegt, Janette Oke

Autorin: Janette Oke 
Titel: Wenn die Liebe siegt 
ISBN: 3894372230

booklooker.de - Der Flohmarkt für Bücher

Elisabeth ist eine junge, hübsche und wohlerzogene Lehrerin. Und jetzt soll sie das warme Nest des Elternhauses in Toronto verlassen und ausgerechnet eine Stelle im rauhen kanadischen Westen antreten. Der Gedanke an ein hartes, primitives Leben schreckt sie, aber sie will Gott nicht ungehorsam sein. Eines jedenfalls steht für sie fest: mit einem dieser Rotjacken wird sie sich bestimmt nicht einlassen - nein, heiraten wird sie nicht!
Und genau das hat sich auch der junge Grenzpolizist Wynn Delaney vorgenommen... 
Verlag: Gerth Medien 
Jahr: 1993
Einband: Taschenbuch
Auflage: 1. Auflage 
Seitenzahl: 271 
Format: 13,5 x 20,5 cm 
Sprache: Deutsch 
Zustand: leichte Gebrauchsspuren 
Gewicht: 375 g

Elisabeth
Ich muß sagen, ich war äußerst überrascht. Nein, nicht von dem Brief selbst. Wir bekamen immerhin häufig Post von meinem Bruder Jonathan. Obwohl er uns ziemlich regelmäßig schrieb, gelang es ihm doch stets mit seinen Briefen, den ganzen Haushalt für eine Weile vollkommen auf den Kopf zu stellen. Nein, es war nicht der Brief an sich, sondern eher sein Inhalt, der mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Und noch erstaunlicher war Mutters Reaktion darauf.

Werbung:

 

Der 12. April 1910 hatte eigentlich wie jeder gewöhnliche Tag angefangen. Ich stand zeitig auf, hielt meine Andacht in der Stille meines Zimmers, kleidete mich an, frühstückte mit der Familie und verließ das Haus gegen acht Uhr, um die elf Straßen zu der Schule, an der ich unterrichtete, zu Fuß zurückzulegen. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, so rechtzeitig in der Schule zu sein, daß mir genügend Zeit für etwaige Vorbereitungen blieb, bevor die Schüler eintrudelten. Gewöhnlich war ich die erste Lehrerin, die das Gebäude morgens betrat. Wie sehr genoß ich dann die Stille in dem nur zu bald mit Lärm und Stimmengewirr erfüllten Schulhaus.

An diesem herrlichen Frühlingsmorgen atmete die ganze Welt Frische und Leben. Der Blumenduft und das Vogelgezwitscher um mich her veranlaßten mich, einen seltenen Blick in mein Innenleben zu werfen.

„Und wie geht es dir an diesem wunderschönen Frühlingsmorgen?" erkundigte ich mich bei mir selbst.

„Blendend, vielen Dank!" kam die unausgesprochene Antwort. Dann wollte mir plötzlich eine heiße Röte in die Wangen steigen. Wenn mich nur niemand bei diesem Selbstgespräch beobachtete! Es war eigentlich gar nicht meine Art, mich mit mir selbst zu unterhalten - nicht einmal in Gedanken, und besonders nicht mitten auf diesem von Ahornbäumen gesäumten Gehsteig. Da aber weit und breit niemand zu sehen war, fuhr ich mit meinem Selbstgespräch fort.
„So, so, blendend also? Was ist denn der Grund, daß du so fröhlich bist und deine Schritte so federleicht?"
„Nun, dieser strahlende Morgen, das Leben, die frische, klare Luft, die ich atme."
„Schön und gut, aber im Grunde bist du seit jeher eine Frohnatur gewesen, die sich tagein, tagaus des Lebens freut. Mir scheint, es gibt kein Plätzchen auf Gottes weiter Erde, wo du nicht glücklich wärst."
„Nein, ganz so ist es wohl nicht, wenn ich ehrlich sein soll."
Die plötzliche Wende des Gesprächs verwunderte mich. Ich verspürte eine seltsame, heftige Regung tief in meinem Inneren. Eine ungekannte Rastlosigkeit drängte sich mir auf. Ich bemühte mich nach Kräften, sie abzuschütteln, doch ohne Erfolg.
„Genau das tust du jedes Mal, wenn ich mit dir reden will!" klagte die Stimme. „Kaum mache ich mich bemerkbar, schiebst du mich auch schon wieder in eine verstaubte Ecke deiner Seele. Warum hast du nur solche Angst, mir in die Augen zu sehen?"
„Angst?"
„Jawohl, Angst."
„Ich habe doch keine Angst! Man hat mich halt nur gelehrt, mit dem, was ich habe, zufrieden zu sein, besonders, da ich mit Wohlstand so reich gesegnet bin. Es ist schließlich eine Schande - nein, eine rechte Sünde sogar - Unzufriedenheit zu äußern, wenn das Leben - und Papa - es in allen Dingen so gut mit mir meinen."
„Du hast recht, es wäre wahrhaftig eine Sünde, ein sorgenfreies Dasein zu verachten. Das sollst du niemals tun. Vielleicht aber, vielleicht würde es dein Herz erleichtern,
wenn du dieses leise, schleichende Gefühl der Leere einmal ergründen würdest."
Nun war ich herausgefordert, und wenn auch noch ein wenig ängstlich und schuldbewußt, so beschloß ich, dieser inneren Stimme Gehör zu schenken, um sie dann endgültig zum Schweigen zu bringen.
Ich, Elisabeth Marie Thatcher, wurde am 3. Juni 1891 als dritteTochter des EphraimThompson und seiner Frau Elisabeth geboren. Mein Vater war Kaufmann inToronto und hatte sich und seiner Familie ein ansehnlichesVermögen erarbeitet. Wir zählten zur oberen Schicht der Bevölkerung, und von Kindheit an war ich an dieVorzüge eines solchen Lebens gewöhnt. Die Ehe meiner Eltern war für meine Mutter bereits die zweite, da sie zuvor mit einem Hauptmann in des Königs Diensten verheiratet gewesen war. Aus dieser Ehe stammt auch mein Halbbruder Jonathan. Mutters erster Mann war durch einen Unfall ums Leben gekommen, als Jonathan erst drei Jahre alt war, und Mutter war wenig später mit ihrem Sohn in ihr Elternhaus zurückgekehrt.
Mein Vater lernte meine Mutter bei einem Festessen kennen, zu dem gemeinsame Bekannte eingeladen hatten. Das Trauerj ahr lag gerade hinter Mutter, und es fiel ihr schwer, ihren Schmerz über den Verlust zusammen mit den Trauerkleidern abzulegen und in Truhen einzuschließen. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob es die schlichte Schönheit der jungenWitwe war, die meinem Vater gleich aufgefallen war, oder ob ihm ihre Hilflosigkeit und Einsamkeit das Herz gerührt hatten. Wie dem auch gewesen sein mag, mein Vater machte ihr jedenfalls den Hof, gewann ihre Liebe und heiratete sie im darauffolgenden November. Im Jahr danach wurde meine älteste Schwester Margaret geboren. Zwei Jahre später folgte Ruthie. Zwischen Ruthie und mir verlor Mutter ein Kind im Säuglingsalter. Dieser Verlust wollte ihr schier das Herz brechen. Ich glaube, sie war ein wenig enttäuscht, als ich kein Junge war, aber aus irgendwelchen Gründen war ich die
jenige, die sie dazu bestimmt hatte, ihren Namen zu tragen. Wiederum zwei Jahre später kam Julie an. Endlich, zweieinhalb Jahre nach Julie, kam ein Sohn zur Welt: mein kleiner Bruder, den die Eltern Markus tauften. Ich kann Mutter nicht einmal Vorhaltungen darüber machen, wie sehr sie dieses Kind verwöhnte, denn wir alle taten es ihr gleich. Vom erstenTag seines Lebens an genoß Markus die hingebungsvolle Liebe der ganzen Familie.
Es fehlte uns an nichts. Papa sorgte im Überfluß für unseren Lebensunterhalt, und Mutter verwandte manche Stunde darauf, uns zu wahrhaftigen Damen zu erziehen. Gemeinsam waren unsere Eltern stets auf unser geistliches Wohl bedacht, und innerhalb der Grenzen des Vernünftigen wurden wir dazu angehalten, unsere eigenständige Persönlichkeit voll zu entfalten.
Margaret war seit jeher unser kleines Hausmütterchen gewesen. Sie heiratete mit achtzehn Jahren und fand alles Glück der Welt in ihrer neuen Aufgabe, ihrem Mann, einem Anwalt, und später den Kindern ein gemütliches, frohes Heim zu führen. Ruth war die musikalischste unter uns. Unsere Eltern ließen sie von den besten Klavierlehrern am Ort ausbilden. Als sie dann in New York einen talentierten Geiger kennenlernte und beschloß, ihre Karriere als Solistin gegen die der Begleiterin einzutauschen, gaben meine Eltern ihren Segen zu dieser Entscheidung.
 
Ich war als die praktisch veranlagteTochter anerkannt und geschätzt. Wenn Mutter inVatersAbwesenheit vor einem Problem stand, rief sie sofort nach mir. „Elisabeth, du hast einen kühlen Kopf und einen klaren Verstand", sagte sie dann. Ich wußte schon sehr früh, wie sehr Mutter sich auf mich verließ.
Es war auch gewiß meine praktische Seite, die mich zur Selbständigkeit getrieben hat. Ich wurde Lehrerin. Zwar betrachtete Mutter einen Beruf als vollkommen überflüssig für eine Dame, zumal es mir ein Kleines gewesen wäre, mit einem der zahlreichen Verehrer am Ort den Bund fürs Leben zu schließen, doch sie ließ nichts dergleichen verlauten und unterstützte mich sogar in meinem Bestreben, mein Berufsziel zu verfolgen.
Ich liebte Kinder und betrat das Klassenzimmer jeden Morgen voller Selbstvertrauen und Freude an der Arbeit. Meine Drittkläßler genoß ich aus ganzem Herzen.
Meine Schwester Julie war die abenteuersüchtige, romantische Seele der Familie. Sosehr ich sie auch liebte, so konnte ich über ihre Possen und Anwandlungen manchmal nur den Kopf schütteln. Sie war zierlich gebaut und hübsch, so daß es ihr nie an männlichen Bewunderern fehlte, doch sie schien dennoch nie genug davon bekommen zu können. Ich betete täglich für Julie.
Und dann Markus! Mir scheint, ich war die einzige in der Familie, die sich ernsthaft Sorgen um ihn machte. Es war mir klar, was wir mit unserem grenzenlosen Verwöhnen angerichtet hatten, und oft fragte ich mich, ob wir es damit nicht viel zu arg getrieben hatten. Nun war er ein heranwachsender Bursche, und ich liebte ihn zu sehr, um ihn unter den Folgen unserer übermäßigen Zuwendung leiden zu sehen. So nahm ich ihn ab und zu beiseite, um ihmVerantwortung des Erwachsenseins vorAugen zu stellen. Anfangs befürchtete ich, meine vorsichtigen Hinweise würden sein Fassungsvermögen übersteigen, doch allmählich zeigte er ein wachsendes Verständnis für meine Worte. Er begann, seine Ansprüche einzuschränken und ein gesundes, vernünftiges Maß an Selbstbewußtsein zu entwickeln. Ich hegte die Hoffnung, daß wir ihn am Ende doch nicht unwiderruflich verdorben hatten. Bald entwikkelte er eine ungeahnte Festigkeit des Charakters und begegnete seinen Mitmenschen mit Achtung und Freundlichkeit. Unser Markus wuchs zu einem ehrbaren jungen Mann heran - das trotz all unserer Erziehungsfehler!
Das süße Gezwitscher eines Rotkehlchens riß mich aus meinen Träumen. Das Vögelchen saß so vergnügt auf einem Zweig hoch über meinem Kopf, daß ich am liebsten mit ihm um die Wette gesungen hätte.
„Nun", dachte ich bei mir, als es sein Liedchen beendet
 

Neue Bewertung

Bitte anmelden oder registrieren um Bewertung zu verfassen


Verfügbarkeit: Vorschau