Wuppertaler Studienbibel Apostelgeschichte, Werner de Boor

  • Wuppertaler Studienbibel Apostelgeschichte, Werner de Boor

Berichte über Ereignisse, die sich so zugetragen haben. Hinweise sprachlicher und geschichtlicher Art. Viele geographische Namen - Eigenart und Ziel - Aufbau - Verfasser - die Zeit - die Quellen - historische Kritik - der Text - Literatur 

Unter Gebet mit völliger Aufgeschlossenheit hören und sehen, was Gott in der Apostelgeschichte sagen und zeigen will.
 
Die Apostelgeschichte beginnt nicht mit einem eigentlichen "Vorwort" wie das Evangelium des Lukas. Das ist bemerkenswert. Im Evangelium kann sich Lukas darauf berufen, daß schon "viele" getan haben, was er mit seiner Schrift ebenfalls unternimmt. Es war nichts Neues und Ungewöhnliches. Jetzt aber legt er ein Buch vor, für das es kein Vorbild gab und das in einsamer Größe dasteht. Wie nahe hätte es gelegen, daß der Verfasser etwas davon sagte, wie er auf diesen neuen und kühnen Gedanken geführt worden sei, die apostolische Zeit in einem zweiten Geschichtswerk darzustellen. Er tut es nicht, er ist sofort bei der Sache selbst; jede Selbstbespiegelung liegt ihm fern. Aber er verweist auf sein erstes Buch. Auch dabei geht es ihm nicht um die Hervorhebung seiner Leistung, auch nicht nur um eine naheliegende schriftstellerische Anknüpfung, sondern um den sachlichen Zusammenhang. Wir werden sofort darauf hingewiesen: Es geht um den Einen, der allein in der Mitte steht, auch wenn "Taten |28|  der Apostel" berichtet werden. In diesem tieferen Sinn ist die Apostelgeschichte eine "Fortsetzung" des Evangeliums und nicht ein eigenes zweites Werk des Verfassers. Alles "was Jesus zu tun und zu lehren begann"[ A ] hat Theophilus[ B ] durch das Lukas-Evangelium erfahren. Nun soll er hören, was Jesus fortfuhr zu wirken und zu verkündigen.
A) Das "Tun" steht vor dem "Lehren"! Jesus kam nicht als "Lehrer", sondern als Erretter. Mit dem schönsten Lehren über Gott wäre uns wenig geholfen. Paulus hat recht gesehen: Das Evangelium ist nicht eine neue Anschauung über Gott, sondern "Kraft Gottes zur Rettung für jeden Glaubenden". Das Vergeben von Schuld, das Heilen von Kranken, das Lösen aus Gebundenheiten, das Erneuern von Menschen, dieses "Tun" Jesu ist es, das sich dann in der Kreuzestat vollendet. Die Leute in Kapernaum hatten es richtig gespürt, was für eine machtvolle "Lehre" es bei Jesus war: Mk 1,27! In den "Taten der Apostel" - so lautet der grie. Titel unseres Buches - wird dieses "Tun und Lehren" Jesu gegenwärtig, von Jerusalem bis Rom, ja bis an das Ende der Erde.
B) Es fällt auf, daß Theophilus hier nicht mehr wie in Lk 1,3 die feierliche Anrede "kratiste = Sehr geehrter" (Anrede an den Statthalter 23,26;24,3;26,25!) erhält. War er inzwischen ganz Christ geworden, mit Lukas näher befreundet, oder hat sich seine äußere Stellung geändert? - Die Widmung an einen "Patron" schloß im Altertum die Erwartung in sich, daß dieser die - recht kostspielige - Verbreitung des ihm gewidmeten Buches fördern werde. Lukas hat seine durch ihre Widmung bewußt in die "Literatur" seiner Zeit einreihen wollen.
2/3 Denn Jesus "lebt"! Schon das Evangelium endete ja nicht wie jede menschliche Lebensbeschreibung auch der Großen und Mächtigen mit dem Sterben und dem Begräbnis, sondern mit der "Hinaufnahme" des auferstandenen Herrn (Lk 24,36-53). Daran erinnert Lukas. In dieses Geschehen sind die Apostel von vornherein mit einbezogen. Darum hat Lukas in einer eigentümlichen Weise, wie sie nur in der grie. Sprache möglich ist, die Worte "durch den Heiligen Geist" so gestellt, daß sie sich sowohl auf die ursprüngliche Erwählung der Apostel wie auch auf ihre jetzige Beauftragung beziehen. Unsere Übersetzung versucht das in deutscher Weise wiederzugeben. Was Jesus tut, tut er "im Heiligen Geist", also nicht von sich aus, sondern ganz in der göttlichen Leitung, so daß in seinem Tun Gottes Handeln geschieht. Das war schon so bei der ersten Berufung der Jünger, bei der das Ziel ihrer "Sendung" bereits aufleuchtete (Mk 3,13 ff; Lk 6,13)[ A ]. Damals war dieses Ziel freilich zeitlich und inhaltlich begrenzt (Lk 9,10;10,17;Mt 10,5 f). Jetzt wird es der neue weltweite "Auftrag" (V. 8). Mit ihm bringt der Auferstandene, der als "Herr" seine Befehle erteilt, die Geschichte in Bewegung, die Lukas nunmehr darstellen will. Die Erwählung der Apostel während der irdischen Wirksamkeit Jesu erweist jetzt erst ihren eigentlichen |29|  Sinn. Darum schließt sich ihre Geschichte an das Evangelium sogleich notwendig an.
A) Die "Berufung" bestimmter Werkzeuge ist stets ein ganz entscheidender Schritt in der Durchführung der großen Pläne Gottes! Vgl. 1 Mo 12,1-3;2 Mo 3,1-12;Am 7,14 f; Jes 6,1-13;40,1-11;Apg 9,15; wir denken aber auch an Luther, Wesley, Zinzendorf und viele andere.
Lukas unterstreicht noch einmal die Tatsache der Auferstehung. Im Unterschied zum Schluß des Evangeliums[ A ] wird hier die bestimmte Frist der vierzig Tage[ B ] genannt, in der Jesus sich sehen ließ und so die "vielen Beweise" dafür gab, daß er "lebendig" ist. Wenn er dabei mit den Aposteln "von der Königsherrschaft Gottes sprach", dann wird er das so getan haben, wie Lukas es in seinem Evangelium geschildert hat: Er "öffnete ihnen den Sinn zum Verständnis der Schriften" (Lk 24,45). Es ging nicht um neue, über die Schriften und die geschehene Geschichte hinausgehende Offenbarungen. Nirgends finden wir im apostolischen Wort eine Berufung auf solche geheimnisvollen Erkenntnisquellen, wie sie immer wieder bei schwarmgeistigen Bewegungen in der Kirchengeschichte beliebt waren. Aber freilich, in welch neuem und klarem Licht lag nun das AT ebenso wie die von ihnen selbst durchlebte Geschichte vor den Augen der Apostel! Vom "Reich" handelt die Frohbotschaft Jesu von Anfang an (Mk 1,14)! Vom "Himmelreich" sprechen seine Gleichnisse. Aber was von Jesus vor den entscheidenden Heilsereignissen des Kreuzes und der Auferstehung nur angedeutet werden konnte (etwa Lk 11,20), das tritt nun in heller Klarheit hervor: "Jesus" und "Das Reich" gehören unmittelbar zusammen. In dem Kommen, Leiden, Sterben, Auferstehen und Herrschen Jesu ist die "Königsherrschaft Gottes" bereits angebrochen, die sich durch die Wiederkunft Jesu in mächtigen, die ganze Schöpfung erfassenden Ereignissen freilich erst vollenden wird. Das wird die Gespräche jener vierzig Tage erfüllt haben. Darum wird gerade dieses Eine das Grundthema der apostolischen Verkündigung (vgl. Apg 8,12;28,23;28,31).
A) In Lk 24 klingt der Bericht so, als habe sich alles, einschließlich der Himmelfahrt, an dem gleichen Tage, am Ostertage selbst abgespielt. Hat Lukas inzwischen neuere und gründlichere Nachrichten über die Osterzeit erhalten? Vielleicht haben wir es doch nur mit einer Eigenart des Lukas zu tun, der bei einer zweiten Darstellung eines Vorganges gern stillschweigend "nachholt", was er bei der ersten Schilderung nicht erwähnt, wohl aber gewußt hat. Immerhin zeigt die Verschiedenheit, daß Lukas nicht von Anfang an ein zweibändiges Werk geplant, sondern die Apg später in Angriff genommen hat.
B) Die "vierzig Tage" spielen in der Bibel vielfach eine bedeutsame Rolle, z. B.:1 Mo 7,4; 7,17;2 Mo 24,18;1 Kö 19,8;Lk 4,2.
 
4 Und nun wird die Schilderung des Himmelfahrtstages eingehender als im Evangelium. Jesus hält noch einmal Tischgemeinschaft mit seinen Jüngern[ A ]. Solche Tischgemeinschaft war ein kennzeichnendes Geschehen im Zusammenleben Jesu mit den Seinen gewesen. Darum |30|  hat der Auferstandene gerade die Gemeinschaft des Mahles gewählt, um seinen Jüngern sowohl die ganze Wirklichkeit seiner Person, wie auch seine volle, durch das Versagen der Jünger nicht zerstörte Verbundenheit mit ihnen zu bekunden (vgl. Mk 16,14;Lk 24,30 ff;24,41 ff; Jo 21,12 ff). Die frohen Mahlzeiten der Gemeinde mit dem "Brotbrechen" (Apg 2,46 f), von denen wir bald hören werden, waren von daher Erinnerung an die alte Tischgemeinschaft während der ganzen Wirksamkeit Jesu, aber auch Gedächtnis jenes letzten Abendmahles vor dem Leiden und Sterben und jenes wunderbaren Frühmahles nach der Auferstehung. Im "Tischgespräch" bei diesem Mahl vor der Himmelfahrt bekommen die Apostel den ausdrücklichen Befehl, in Jerusalem zu bleiben. Für die Männer aus Galiläa (V.11) lag es nahe genug, nach dem endgültigen Abschied von Jesus in die alte Heimat zurückzukehren, zumal auch dort Begegnungen mit dem Auferstandenen stattgefunden haben (Mt 28;Jo 21). Was hielt sie jetzt noch in Jerusalem? Jesus sagte es ihnen: Das nächste große Ereignis der Heilsgeschichte, die Ausgießung des Geistes, geschieht dort in der Hauptstadt Israels; in ihr beginnt auch der Zeugenberuf der Jünger. Die Schilderung geht in die direkte Rede über, ein schriftstellerisches Kunstmittel, das Lukas mehrfach (Apg 17,3;25,4;32,22) anwendet.
A) Die Deutung des von Lukas hier gebrauchten Wortes ist umstritten. Es wird von andern als ein bloßes Sich-Versammeln, Zusammenkommen verstanden. Die frühkirchlichen Übersetzungen der Apg fassen es aber als "zusammen essen" auf.
5 In der Zeit, in der Lukas schrieb, spielten Kreise eine Rolle, die auch von der "Königsherrschaft Gottes" erfüllt waren, aber von der Bewegung Johannes des Täufers ihren Anstoß erhalten hatten und sich mit der Taufe des Johannes begnügten: In Apg 18,24-26;19,1-6 werden wir ausdrücklich auf solche Kreise stoßen (vgl. S. 338) Darum ist es Lukas wichtig, im eigenen Wort des Herrn darauf hinzuweisen, daß Johannes mit seiner Bußtaufe freilich seine Bedeutung gehabt hat, daß aber jetzt in der verheißenen Ausgießung des Heiligen Geistes von Gott her eine total neue Lage geschaffen wird. Die Gegenwart des Geistes Gottes hebt die Gemeinde Jesu über alles hoch empor, was es bisher in der Geschichte gegeben hat[ A ]. Jesus erinnert die Jünger an "die Verheißung des Vaters", die sie von ihm selbst gehört haben. Lukas wird dabei an Worte Jesu wie Lk 11,13;12,12 gedacht, aber auch nicht das Wort des Täufers selbst vergessen haben, das Jesus hier fast wörtlich aufnimmt. Nur ein Unterschied ist bezeichnend. Während der Täufer sagte: Der nach mir Kommende (also Jesus) wird euch mit dem Geist taufen, tritt hier Jesus selbst als der Sohn ganz hinter dem Vater zurück und formuliert: "Ihr werdet mit dem Heiligen Geist getauft werden". Das war die jüdische Art, von Gott in solcher Ehrfurcht zu sprechen, daß man den Namen Gottes nicht nannte, sondern das Passiv gebrauchte. |31| 
A) Und wir heute wissen von diesem "Wohnen" des Geistes in der Gemeinde und im einzelnen Christen weithin nichts mehr und halten jedes Wissen davon für "Schwärmerei"!
Die Versammelten[ A ] - vielleicht doch mehr als die elf Apostel im strengen Sinn - antworten mit einer Frage, die wir leicht für unverständig und fehlgehend halten:
A) Wenn man in V 6 das Partizip nicht mit "die Versammelten" übersetzt, sondern in den Satz auflöst "sie nun kamen zusammen, fragten ihn und sprachen" (so Schlatter in den "Erläuterungen"), dann ist in V 4 ein früheres Zusammensein Jesu mit seinen Jüngern gemeint, bei dem er ihnen die Weisung zum Bleiben in Jerusalem erteilte. Danach erst - eben am Tag der Himmelfahrt - kommen sie erneut zusammen, und nun bringen die Jünger die Fragen vor, die von der Weisung Jesu in ihnen ausgelöst sind. Aber hat Lukas das wirklich so gedacht?
6 "Herr, stellst du zu dieser Zeit das Königreich für Israel wieder her?" Der "Unverstand" liegt dann aber bei uns! Wir müssen heraus aus der Gewöhnung an den Ablauf der Dinge, der uns nun "selbstverständlich" zu sein scheint, während er doch sehr erstaunlich ist. Wir sollten ernstlich fragen, warum denn an Ostern nicht sofort das "Tausendjährige Reich", das "Königreich der Himmel" auf dieser Erde begonnen hat? Die Erlösung war vollbracht, die Sünde der Welt getragen, dem Tod die Macht genommen, Satan entmächtigt, Jesus alle Gewalt in die Hand gegeben, mußte nun nicht die Erfüllung der Reichsverheißungen unmittelbar kommen? Und da zum Anbruch der messianischen Zeit auch die Ausgießung des Geistes gehörte, mußte dann nicht eben in und mit dieser Ausgießung das Reich anbrechen? So völlig verstehend und biblisch folgerichtig ist die Frage der Jünger! Und nicht einmal die Betonung "für Israel" ist falscher Nationalismus. Die Verheißungen für Israel in der prophetischen Verkündigung sind klar genug, und "unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes" (Rö 11,2).
7 Darum ist auch Jesu Antwort an die Apostel nicht mit einer Silbe ein Tadel oder eine Zurückweisung ihrer Erwartungen als solcher. Nur das wird ihnen gesagt: "Es ist nicht eure Sache, zu kennen Zeiten und Fristen[ A ], die der Vater in seiner eigenen Vollmacht festgesetzt hat."
A) Die grie. Sprache kannte zwei ganz verschiedene Worte für "Zeit"; das eine "Chronos" meint den allgemeinen Zeitablauf, das andere "Kairos" die besondere, geschichtsmächtige Zeit. G. Stählin übersetzt an unserer Stelle sehr schön "Zeitabschnitte und Gottesstunden".
 
8 "Zeiten und Fristen" setzt allein Gott. Und eben jetzt ist Gott dabei, eine ganz neue "Zeit" herbeizuführen, die Zeit der "Gemeinde". Gott will seinem gehorsamen Sohn nach der Vollendung seines Erlösungswerkes ein ganz kostbares Geschenk machen: das Geschenk des "Leibes". Nicht nur der König von Israel soll Jesus sein und nicht nur der Herr und Richter der Welt, sondern auch das Haupt des Leibes[ A ]. Aus Israel und vor allem aus den Nationen |32|  wird dieser Leib herausgerufen. Darum bedeutet die Geistesausgießung nicht schon den Anbruch des Reiches, sondern "ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch kommt, und werdet meine Zeugen sein". Die Mission, die Evangelisation zum Aufbau des Leibes Christi beginnt. Dazu ist "Kraft" nötig. Aber keine Kraft des Verstandes, des menschlichen Willens, der Redekunst reicht dazu aus. "Kraft des auf euch kommenden Geistes", damit ist allein diese Aufgabe zu lösen. Mit ihr werden die Apostel die wirksamen "Zeugen" Jesu sein. Achten wir genau auf den Wortlaut. Hier steht nicht "ihr sollt". Mit dem Heiligen Geist sind wir aus dem Raum des "Gesetzes", dem Raum bloßer Forderungen heraus und in den Raum faktischen Geschehens hineingenommen. Denn der Geist wirkt in uns und handelt in uns und durch uns.
A) Wir sollten darum von Jesus nicht nur als von dem "Herrn der Gemeinde" sprechen. Jesus steht zu seinem Leib und damit auch zu uns, den Gliedern des Leibes, in einem ganz anderen, kostbaren Verhältnis, dessen wir uns in tiefer Dankbarkeit freuen sollten.
Er macht uns zu Zeugen. Wir kennen das Wort "Zeuge" aus der Gerichtssprache. Bei einer Gerichtsverhandlung werden Zeugen vernommen. Sie sollen nicht ihre Meinung äußern und nicht ihre Gedanken erzählen, sondern - genau wie es die Apostel (Apg 4,20) tun - "reden, was sie gesehen und gehört haben". Zeugen stellen fest, was in Wirklichkeit geschehen ist. Darum konnten die Apostel nach V 21 ff jetzt schon Zeugen Jesu sein. Da es sich aber um die unsichtbaren, göttlichen Wirklichkeiten handelt, reicht alles nur menschliche Bezeugen nicht aus, um andere davon zu überzeugen. Erst die Kraft des Heiligen Geistes beglaubigt das Zeugnis von Jesus für das Gewissen der andern so, daß sie zum Glauben kommen oder sich gegen die Wahrheit aufbäumen, die sie doch nicht mehr leugnen können. Es ist also so, wie Johannes es uns als Jesu Wort überliefert hat: Der Geist der Wahrheit wird "nicht von sich selber reden", er "wird mich verklären; denn von dem Meinen wird er es nehmen und euch verkündigen" (Jo 16,13 f). Die Apostel empfangen vom Geist nicht geheimnisvolle neue Lehren, sondern das wirksame Zeugnis von Jesus. Sie werden nichts anderes sagen als das, was sie jetzt schon als Zeugen sagen könnten (V 21 f), aber sie werden es "anders" sagen, so herzdurchbohrend, wie es uns Lukas sofort im 2. Kapitel zeigen wird. Dabei erinnert uns das grie. Wort für "Zeuge" = "Martys" daran, daß gerade dieses ins Herz treffende Zeugnis die Boten ins Leiden führt und nur unter Leiden (Apg 9,16!) abgelegt werden kann.
Dieser Zeugendienst wird sich wachsend entfalten: Jerusalem - Judäa - Samaria - die ganze Welt. Das ist zugleich der Plan für das Werk, das Lukas zu schreiben beginnt. Ganze Kapitel hindurch wird er uns in Jerusalem festhalten; dann geht es zu der großen Erweckung nach Samarien und anschließend zur Bekehrung des Paulus, mit dem wir bis nach Rom reisen werden. Mit dem Ausdruck |33|  "bis an das Ende der Erde" nimmt Jesus die prophetische Weissagung und in ihr den göttlichen Zuspruch von Jes 49,6 auf. Seine erste Erfüllung hat er für den Blick des Lukas nicht erst dann gefunden, wenn Paulus wirklich noch nach Spanien (Rö 15,23.24) gelangt ist, sondern schon, wenn Paulus in Rom das Evangelium verkündigt, in dem Rom, das die Enden der Erde beherrscht. Das alles aber vollzieht sich nicht nach einer klugen "Missions-Strategie", die sich die Apostel erdacht haben. Lukas wird es uns sehr deutlich machen, wie es sich "begibt", auch gerade durch das, was wie lauter Hindernis und Durchkreuzung aussieht. Es begibt sich nach dem Plan, den Jesus hier in seinen Grundzügen den Aposteln mitteilt.
Wir aber können auf das, was die Apostelgeschichte uns schildert, nicht zurückblicken als auf eine ferne und abgeschlossene Geschichte, die wir ruhig und erbaulich "betrachten". Diese Geschichte geht weiter und nimmt uns selber in ihr Geschehen mit hinein und für dieses Geschehen mit unserem Beten und unserem Geben und unserem persönlichen Einsatz mit in Anspruch. Nach Gottes Vorsehung hat sich das "Ende der Erde" immer weiter und weiter hinausgeschoben, je umfassender wir die Welt kennenlernten. Es ist dem Befehl Jesu gemäß erreicht und doch noch nicht erreicht. Mt 24,14 ist erfüllt und noch nicht endgültig erfüllt. So stehen wir noch in diesen "Zeiten und Fristen", in diesem Zeitalter der Herausrufung des Leibes Christi, in diesem Zeugendienst "bis zum Ende der Erde". Wir verstehen die "Kirche" und ihre Geschichte, ihre Aufgaben und ihre Verheißungen nur, wenn wir dies verstehen. Auch für uns handelt es sich dabei nicht um eigenes Wollen, eigene Gedanken, Interessen und Pläne. Es wurzelt auch heute noch alle "Mission" und "Evangelisation" in dem majestätischen Wort des Herrn selbst, das Befehl und Verheißung in einem bis: "Ihr werdet meine Zeugen sein, in Jerusalem und in Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde." Und auch wir erfüllen den Sinn unseres Dienstes nur, wenn wir immer neu erfassen, daß es dabei nur einen einzigen, wahrhaft entscheidenden. Faktor gibt: die Kraft des auf uns gekommenen Heiligen Geistes.
DIE HIMMELFAHRT JESU
Apostelgeschichte 1,9-12
9 Und als er dies gesprochen, während sie zusahen, wurde er emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, fort von ihren Augen.
Mk 16,19; Jo 6,62
10 Und wie sie immerfort weiter zum Himmel blickten, in den er fortging, siehe, zwei Männer standen da bei ihnen in weißen |34|  Gewändern,
Lk 24,4; 1 Pt 3,22
11 die sprachen: "Galiläische Männer, was steht ihr und blickt zum Himmel? Dieser Jesus, der hinaufgenommen wurde weg von euch in den Himmel, wird so auf dieselbe Weise (wieder) kommen, wie ihr ihn geschaut habt fortgehen in den Himmel."
Mt 26,64.65; 1 Th 4,16; Offb 1,7
12 Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berge, der "Ölgarten" heißt, der nahe bei Jerusalem liegt, einen Sabbatweg entfernt.
Lk 24,52
9 Den letzten Weisungen an die Apostel folgt unmittelbar der Abschied. Die Jünger sehen, wie Jesus "emporgehoben" wurde. Dann aber entzieht eine "Wolke" alles ihren Blicken.
Diese "Himmelfahrt" Jesu hat modernen Menschen besonders viel weltanschauliche Not gemacht. Liegt ihr nicht das typische Weltbild des Altertums zu Grunde, das über der Erdscheibe das Himmelsgewölbe mit dem Wohnort Gottes sieht? Wir aber kennen doch die Erde als die Kugel, die um die Sonne kreist, die Sonne als einzelnen Stern im ungeheuren Milchstraßensystem und dieses System wieder als eine Sterneninsel unter zahlreichen anderen im Weltraum! Wie soll da Jesus "gen Himmel gefahren" sein? Ist das nicht alles eine "Mythologie", die uns heutigen Menschen unmöglich geworden ist?
Aber wer hier "entmythologisiert"[ A ], muß der Frage standhalten: Wo ist jetzt "dieser Jesus", den zu kennen und zu lieben, dem zu vertrauen und zu gehorchen unser ganzes "Christentum" ausmacht? Es ist das klare Zeugnis der Jünger, daß er nach Ostern zunächst noch bei ihnen war und sich sehen ließ. Dieses "Sehen" aber endete, Jesus "ging von ihnen fort". So sagt es Lukas hier in V 10 und 11. Wir haben absichtlich dies schlichte Wort in der Übersetzung stehen lassen. Wohin ging er? Wir können nur mit Lukas antworten: Er wurde "emporgehoben", "hinaufgenommen" zu Gott. Dabei wußte es schon Luther und wußte es schon Tersteegen, daß das nicht ein geographischer Ort im planetarischen oder galaktischen[ B ] Raum ist, sondern daß es bedeutet: "Du kannst alles allerorten nun erfüllen und nahe sein" (EKG 95). Sollten biblische Männer wie Paulus und Lukas das nicht auch gewußt haben? Lasen sie nicht in ihrem AT bereits: "Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich |35|  nicht fassen" (1 Kö 8,27)? Es ist gar nicht wahr, daß die biblischen Männer Gott irgendwo oben im Weltraum "lokalisiert" haben. Gott mit seiner machtvollen "Rechten" ist überall, wo er sein und wirken will. Die "Himmelfahrt", die "Hinaufnahme" Jesu ist die "Erhöhung zur Rechten Gottes" (vgl. Apg 2,33-36), d. h. aber gar nichts anderes, als daß Jesus dadurch Anteil bekommt an dieser göttlichen Art des Seins und des Wirkens. Dadurch ist Jesus zwar nicht mehr unmittelbar und sichtbar "anwesend" bei den Jüngern. Aber wie nahe, wie wirksam haben die Apostel ihren Herrn gewußt: Apg 2,47; 3,13;4,10;4,30;9,5;22,17-21. Ist er ihnen jetzt verborgen, so doch nicht sie ihm: Offb 2,2;2,9.13-19 usw. Beschrieben als Vorgang wird die Himmelfahrt durch Lukas, aber als Tatsache der "Erhöhung" Jesu bezeugt wird sie überall im NT: Rö 8,34;Eph 1,20; Phil 2,9;1 Tim 3,16;1 Pt 3,22;Hbr 1,3.
A) Dieses Wort ist durch die Bemühungen R. Bultmanns zu einem viel umstrittenen theologischen Schlagwort geworden. Bultmann dachte an den modernen Menschen, dem die "Himmelfahrt" Jesu und vieles andere in der Bibel "mythologisch" vorkommt, in das märchenhafte alte Weltbild verfangen. Bultmann wollte die "eigentliche" Botschaft des NT aus dieser Verfangenheit herauslösen, sie "entmythologisieren" und sie dadurch in ihrem Kern dem heutigen Menschen wieder zugänglich machen. Unsere Stellung dazu siehe in der Auslegung.
B) Galaktisch ist der astronomische Fachausdruck für das Sternensystem der Milchstraße.
Aber zugleich ist es so, daß wir gar nicht vermeiden können, diese göttlichen Wirklichkeiten in den räumlichen Bildern auszusprechen, die von jeher das einzige Ausdrucksmittel dafür waren. Kann auch der moderne Physiker, wenn er an Gott denkt, etwas anderes tun als "emporblicken" zum Himmel und Gott "droben" suchen? Lukas seinerseits hat in einer Weise, die wir bewundern müßten, wenn es nicht einfach die Weise echten biblischen Glaubens wäre, in seiner Darstellung dafür gesorgt, alles wirklich "Mythologische" auszuschließen! Wir lesen nicht ein einziges Wort phantastischer Ausmalung! Wer die entsprechende Literatur des Altertums (auch mancher Schriften aus dem Raum der alten Kirche) kennt und das Verlangen des wundersüchtigen, menschlichen Herzens bedenkt, ermißt erst ganz die keusche Zurückhaltung unseres Abschnittes[ A ]. Die "Wolke" ist hier wie auch sonst in der Bibel kein atmosphärisches Gebilde, sondern Ausdruck für die Hülle, die Gott seinem geheimnisvollen Handeln gibt[ B ]. Jesus wird aus einer noch bestehenden Bindung an den irdischen Raum entnommen; eben darum können auch die ntst. Zeugen nicht an eine bloße Höherrückung innerhalb dieses Raumes gedacht haben. Es ist der Weg in die "Höhe" zu Gott, für Menschen nicht mehr faßbar und auch für Jüngeraugen durch die "Wolke" verhüllt.
A) Das ist die biblische Art, die es ernst nimmt mit der Wirklichkeit des heiligen, lebendigen Gottes und sich darum mit den knappsten Andeutungen begnügt, wenn sie von Gott und göttlichem Geschehen berichtet. Vgl. 2 Mo 3,2;24,9 f;33,17-23, aber auch Mt 1,18;Lk 1,26-35. oder die Berichte von der Auferstehung des Herrn.
B) Vgl. 2 Mo 16,10;24,15;40,34;13,21;5 Mo 33,26;Ps 97,2;Ps 104,3;Jes 1,4;Da 7,13; Mt 17,5;1 Ko 10,1.2;1 Th 4,17;Offb 14,14.
Typisch biblisch ist es auch, daß wir von dem inneren Erleben der Jünger bei diesem ebenso unerhörten wie einschneidenden Geschehen |36|  nicht das Geringste erfahren. Die göttlichen Taten und Tatsachen sind wichtig, nicht unser Gefühl dabei. Die Darstellung des Lukas ist fast erschreckend nüchtern.
10 Die innere Beteiligung der Apostel wird nur daran sichtbar, daß sie "immerfort weiter zum Himmel blicken[ A ]." Aber auch daraus werden sie sachlich herausgerufen. Mit dem vielgebrauchten biblischen "Siehe" werden unsere Blicke wie die der Apostel vom "Himmel" fortgelenkt, weil zwei Himmelsboten plötzlich neben den Aposteln stehen und sie anreden[ B ].
A) Hier ist - wie in V 2 das Wort "durch den Heiligen Geist" - das Wort "zum Himmel" so gestellt, daß es zu zwei Aussagen gleichzeitig gehört, zu der Aussage über die emporblickenden Jünger und zu der von dem fortgehenden Herrn. Wie haben das wieder in der Übersetzung zu verdeutlichen versucht.
B) Es sind zwei "Männer" "in weißen Gewändern". Vgl. Mt 28,2 f; Mk 16,5;Lk 24,4; Jo 20,12. Wie sind wir nur darauf gekommen, "Engel" selbstverständlich als "Frauen" oder "Mädchen" darzustellen? Steht dahinter eine allgemeine Entmännlichung des Christentums, die ihrerseits wieder zum Zurücktreten der Männer in unserem kirchlichen Leben beitrug?
11 Diese Boten aus der Himmelswelt kennen die Apostel als "Galiläer". Auch die Engel sind also nicht in Sternenweiten von uns entfernt, sondern sind uns so nahe, daß sie uns sehen und hören und kennen. Sie nehmen teil an uns und unserem Leben. So verstehen sie auch bei den Jüngern das staunende, teils schmerzliche, teils freudige Nachschauen nach dem geliebten Herrn. Aber die Welt der Bibel ist völlig unsentimental. Gottes Liebe duldet kein Verweilen bei uns selbst und unseren Stimmungen[ A ]. Es ist keine Zeit zum Stehenbleiben und Nachschauen. So rücken die Engel die Jünger zurecht für die Gegenwart, indem sie ihnen die Zukunft bezeugen: Jesus kommt wieder! Es ist kein Abschied für immer. Genauso wie Jesus jetzt "fortging" aus dem irdischen Raum in die total andere Welt Gottes, so wird er von dort zurückkehren und aufs neue in den Raum des sichtbaren Wirkens auf dieser Erde eintreten. Darum redet das NT von der "Parusie", von der neuen "Anwesenheit" Jesu, oder von seiner neuen "Offenbarung"[ B ]. Auch damit sind alle "mystischen" Vorstellungen abgewehrt.
A) Vgl. 2 Mo 14,15;1 Kö 9,5.7;19,13-15;Phil 1,12;Apg 14,19-21;1 Th 2,2.
B) Während wir meist das Wort "Wiederkunft" gebrauchen, das im NT selbst kaum vorkommt - auch an unsere Stelle steht nur einfach "kommen" und nicht "wiederkommen" -, finden wir "Parusie" in 1 Ko 15,23;1 Th 2,19;3,13;5,23;2 Th 2,1.8.9; Jak 5,7. Dabei ist bezeichnend, daß Paulus auch von einer "Parusie" des Antichristen sprechen kann: Der Antichrist aber "kommt nicht wieder", sondern ist geheimnisvoll da und beginnt sein Wirken in der Welt. Den Ausdruck "Offenbarung" finden wir 1 Ko 1,7;2 Th 1,7;1 Pt 1,7.13;4,13;Lk 17,30; den Ausdruck "Erscheinen" in Kol 3,4; Hbr 9,26;1 Pt 5,4.
Lukas hat im Wort der Engel das "so, auf dieselbe Weise" besonders betont. Was hat das zu sagen? In den Ostertagen war die Herrlichkeit |37|  Jesu noch eigenartig verborgen. Er wurde gar nicht sofort erkannt und ging also nicht in strahlender Größe umher. Aber jetzt bei der Himmelfahrt wird er "emporgehoben", von den Grenzen des Irdischen befreit und mit der Herrlichkeit Gottes beschenkt. Und ebenso "werden alle Geschlechter auf Erden ... kommen sehen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit" (Mt 24,30;Lk 21,27). Es wird das genau so real und sichtbar erfolgen wie jetzt sein Fortgang in den Himmel.
Man hat es als die besondere theologische und kirchliche Leistung des Lukas angesehen, daß er die Gemeinde von einer falschen "Naherwartung" der Parusie gelöst und zu ihrer Aufgabe in dieser Zeit und Welt hingewendet habe. Daran ist etwas Richtiges. Es fehlt im Wort der Engel jede Zeitangabe über die neue Offenbarung des Herrn Jesu, jede nahe Datierung. Aber man darf dabei das andere nicht übersehen: Das urchristliche Warten der Gemeinde auf ihren kommenden Herrn hat Lukas nicht beiseite schieben wollen. Mit der vollen Wucht einer Botschaft aus dem Munde himmlischer Boten hat es Lukas an den Anfang seines Buches gestellt: Maran atha, unser Herr kommt! Darauf bleibt alles ausgerichtet, was jetzt durch die Gemeinde mit ihren Aposteln von Jerusalem bis ans Ende der Erde getan werden muß.
12 Das Wort der Engel gehört zu der Weisung, die die Apostel unmittelbar vor dem Abschied von Jesus selbst empfangen haben. Die Apostel begreifen die Lage! Sie begreifen, was Jesus in das Knappe Wort gefaßt hat: "Handelt, bis ich wiederkomme!' (Lk 14,13). Es ist nicht Zeit zum sehnsüchtigen oder bewundernden Nachschauen. Die große Arbeit beginnt in Jerusalem, sobald der Geist gekommen ist. Sie werden in dieser Arbeit das Wirken des unsichtbaren Herrn mit Macht spüren (Apg 2,47. vgl. Mt 16,20). Alle Arbeit aber steht unter der Verantwortung des Herrn, der an seinem Tage wieder "anwesend" und "sichtbar" sein und im Feuer seines Tages unser Werk prüfen wird (2 Ko 5,10;3,11 ff). Darum ziehen sie die richtige gehorsame Folgerung. Sie erbitten sich nicht von den Engeln weitere eschatologische Aufschlüsse, sondern "kehrten nach Jerusalem zurück".
Nun erfahren wir auch den Ort der Himmelfahrt: Es ist der Berg, der den Namen "Ölgarten" oder "Olivenhain" führt und den wir als "Ölberg" kennen. Nahe vor ihnen, "einen Sabbatweg entfernt"[ A ], Liegt die Stadt, in die sie zurückkehren, der spannenden Geschichte |38|  ihres Lebens mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren erwarteten und unerwarteten Ereignissen entgegen, die Lukas uns erzählen will.
A) Ein "Sabbatweg" ist die Strecke, die man am Sabbat gehen durfte, ohne das Gebot 2 Mo 16,29 zu übertreten. Diese Strecke war von den Schriftgelehrten auf zweitausend Ellen, also auf 1 km bestimmt. Wenn das Lukas-Evangelium 24,50 Bethanien nennt, das an der Ostseite des Ölbergs, 2,5 km von Jerusalem entfernt, liegt, dann kann der Natur der Sache nach nicht daran gedacht sein, daß sich die Himmelfahrt Jesu in dem Ort selbst vollzogen habe. Es ist die Wegrichtung angegeben: "Auf Bethanien zu"; das aber war der Weg zum Ölberg.
DAS BETENDE WARTEN AUF DIE AUSGIESSUNG DES GEISTES
Apostelgeschichte 1,13-14
13 Und als sie hineinkamen, stiegen sie in das Obergemach hinauf, wo sie sich ständig aufhielten: Petrus und Johannes und Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus der Sohn des Alphäus, und Simon der Eiferer, und Judas, der Sohn des Jakobus.
Mt 10,2-4
14 Diese alle verharrten einmütig im Gebet zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und zusammen mit seinen Brüdern.
Apg 2,1; Lk 8,20f
13 Die Jünger erfüllen den Befehl Jesu: Wartet! Sie ziehen sich dazu in die Stille zurück, wie sie das "Obergemach" im Unterschied zu den unteren Räumen im Hause darbietet[ A ]. Lukas sagt ausdrücklich, daß dies nicht nur eine einzelne Zusammenkunft nach der Himmelfahrt wart, sondern zu einem ständigen Beisammensein die ganzen Tage hindurch führte. Ja, wir werden uns dies Haus mit seinem Obergemach als den dauernden Aufenthaltsort der Apostel denken müssen, solange sie überhaupt in Jerusalem waren.
A) Ein solches "Obergemach" hatte Elia bei der Witwe in Zarpath (1 Kö 17,19), Elisa bei der Sunemitin (2 Kö 4,10). Es war auch seiner Stille wegen zum "Prophetenstübchen" geeignet. Vgl. auch Ri 3,20-23; Da 6,11. Auch die "Kammer", in die Jesus (Mt 6,6) seine Jünger zum Beten schickt, kann ein solches "Obergemach" gewesen sein. Und in der Apostelgeschichte spielt das "Obergemach" mehrfach eine ganz besondere Rolle: Apg. 9,37 ff; 10,9 ff;20,8 ff. In welchem Hause in Jerusalem sich dies Obergemach befand, wird nicht gesagt. Es muß aber ein wohlhabendes Haus gewesen sein, dessen Obergemach groß genug für eine solche Versammlung war. Es liegt nahe, nach Apg 12,12 an das Haus der Maria, der Mutter des Johannes-Markus zu denken.
Das Warten ist weder ein ungeduldig-aufgeregtes, noch ein leeres und untätiges, es ist erfüllt vom "Verharren im Gebet". Jeder Israelit kannte von Kindheit an das Beten. Später hatten die Jünger den Unterricht Jesu im Beten empfangen und sein Vorbild ständig vor Augen gehabt. Natürlich haben wir uns nicht zu denken, daß sie dort von morgens bis zum Abend auf den Knien lagen und Gebete sprachen. Aber das Reden mit Gott, rückblickend auf alles Erlebte und erwartungsvoll |39|  vorausblickend auf das Verheißene und Befohlene, beherrschte die Tage. Dies Beten war nicht religiöse Stimmungssache, sondern ernste, willentliche Arbeit. So im Warten auf Gottes bestimmte Zusagen und im gründlichen und ausdauernden Beten werden göttliche Ereignisse vorbereitet[ A ].
A) So fordert Paulus in Rö 15,30f; Eph 6,18f; Kol 4,2 das beharrliche Beten von den Gemeinden als Anteil an seinem Werk. Man lese dazu auch, was Finney in seinen "Lebenserinnerungen" S. 42 ff von solchem anhaltendem Beten und seiner Auswirkung berichtet. Wenn wir heute in Gemeindeleben und Evangelisation so wenig von Gott erfahren, liegt es nicht vor allem daran, daß uns die Warten und Beten fehlt? - Charles G. Finney, Lebenserinnerungen. Basel. o. J., 277 S.
Wir werden darüber unterrichtet, wer in diesen Vorbereitungstagen dort zusammen war. Es sind zunächst die elf Apostel. Sie werden ausdrücklich mit Namen aufgezählt[ A ]. Man hat an der Apostelgeschichte oft getadelt, daß sie in keiner Weise ihrem Namen gerecht wird. Eigentlich hörten wir nur von Petrus Näheres, und auch von ihm bekämen wir keine umfassende Geschichte seines Lebens und Wirkens. Was die anderen in ihrem apostolischen Beruf getan haben, erführen wir überhaupt nicht. Aber auch hier wieder unterscheidet sich die Bibel gründlich von unserem Interesse an namhaften Menschen. Es gibt in der Bibel keine "Biographie", nicht einmal von Jesaja oder Jeremia. Männer wie der Prophet Micha 1 Kö 22,28 tauchen auf und verschwinden, ohne daß wir etwas von ihrem Wirken erfahren, das sich keinesfalls auf dieses eine Auftreten beschränkt hat. So schreibt auch Lukas nichts von der Geschichte der einzelnen Apostel. Aber daß sie hier betend beisammen sind, daß sie die Pfingstgeschichte miterleben, am Bau der Urgemeinde mitarbeiten und in der Leitung der werdenden Kirche stehen (vgl. Kap. 2,1.14. 37.42;33;5,15.40-42;8,14), das ist ein volles apostolisches Werk. Nicht als einzelne, biographisch interessante Originale sind sie wichtig, sondern als diese Zwölferschar, die Jesus selbst berief und die gemeinsam im Dienst steht.
A) Zu den Namen der Apostel und der Zusammensetzung der Apostelschar vgl.: die Auslegung des Markus-Evangeliums in der W. Stb. Seite 84 ff.
Zu den Aposteln traten aber auch "Frauen", schwerlich nur die Frauen der Apostel und der Brüder Jesu, sondern vor allem jene Frauen, denen gerade Lukas einen wichtigen Anteil am Werk Jesu zuspricht: Lk 8,2 ff;23,49.55;24,10. Es ist bezeichnend für die Gemeinde Jesu, daß in ihr der Frau eine ganz andere Rolle zuerteilt wird als in der Synagoge; das kommt nun auch hier zu einem starken Ausdruck: Frauen sind an der betenden Vorbereitung für Pfingsten beteiligt (vgl. auch S. 154 zu Kap. 8,3).
Auch Maria, die Mutter Jesu, ist dabei mit Jesu Brüdern. Hier wird im NT zum letzten Mal der Name Marias genannt. Wir sehen sie |40|  nicht in einer Ehrenstellung, sondern mit einem schlichten "und" den andern Frauen zugesellt[ A ]. Von der früheren Einstellung der Brüder Jesu lesen wir Mk 3,31-35 (V 21!);Jo 7,3-8. Jesus selbst hatte alle Ansprüche seiner Familie zurückgewiesen. Aber in den Ostertagen ist er auch seinem Bruder Jakobus begegnet (1 Ko 15,7), und Jakobus kam zu Glauben. Das hat offenbar die ganze Familie in die Gemeinde hineingeführt, in der Jakobus neben den Aposteln eine führende Stellung bekam (vgl. S. 228 zu Kap. 12,17;Gal 2,9; Apg 15,13 ff).
A) Alle spätere Verherrlichung der Maria erweist sich von hier aus endgültig als unbiblisch.
14 "Diese alle verharrten einmütig im Gebet." Es gibt auch "einmütige" Gegnerschaft: Kap 7,57;18,12;19,29; es ist dies die Einmütigkeit der heißen Erregung. Um so wichtiger ist die stille, gesammelte Einmütigkeit der Jünger Jesu, die zur Gebetsgemeinschaft führt. Sie ist nach der Verheißung in Ps 133 eine Grundvoraussetzung göttlicher Segnungen. Niemand in Jerusalem wird besonders auf die kleine Schar geachtet haben, die dort im Obergemach eines Hauses verborgen zusammen kam. Erst recht ahnte in Rom und am Kaiserhof keiner etwas davon. Und doch: Hier geschah etwas, was alle großen und lauten Vorgänge in Politik und Wirtschaft übertraf und die Voraussetzung für eine weltweite Geschichte wurde, die auch uns einschließt und in die ewige Zukunft einmündet.

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Bestell-Nr.: BN2334-40
Autor/in: Werner de Boor
Wuppertaler Studienbibel Apostelgeschichte
ISBN: 9783417002614 (früher: 3417002613)
Format: 20 x 14 cm
Seiten: 471
Gewicht: 577 g
Verlag: R.Brockhaus
Erschienen: 1966
Einband: Paperback
Sprache: Deutsch
Zustand: leichte Gebrauchsspuren

 

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