Geheime Fracht

Geheime Fracht
©R.Brockhaus Taschenbuch ISBN 3-417-20294-9

Geheime Fracht
Vorspiel - Antwerpen 1526 in einer Sommernacht des Jahres 1526 schlief die Stadt Antwerpen friedlich unter wolkenverhangenem Himmel. Die hohen schmalen Häuser zu beiden Seiten der engen Straßen schauten einander stumm an.
Angebot:

Die Menschen hinter ihren Mauern träumten selig und ahnten nicht, daß in dieser Nacht im Hafenviertel ihrer Stadt etwas vorging, das von Bedeutung für die kommenden Jahrhunderte werden sollte. Sie träumten von Geld und Geschäften, von Liebe und Haß und hörten nicht die heimlichen, vorsichtigen Schritte in den Gassen. im Hafen von Antwerpen, dem wichtigsten Seehafen der damals dem König von Spanien gehörenden niederländischen Provinzen, herrschte ein reger Verkehr wie in keinem anderen in ganz Europa. Auch in dieser Nacht waren die in langer Reihe am Ufer der Scheide sich hinziehenden Lagerhäuser bis oben hin mit Kisten und Ballen, mit Waren aus allen Teilen der Welt angefüllt. Ein ganzer Wald von Masten hob sich in verschwommenen Umrissen aus der Dunkelheit ab, und die Laternen im Takelwerk schwankten leise im Rhythmus der Wellen. Gelegentlich kehrte ein verspäteter Matrose auf sein am Kai liegendes Schiff zurück, aber die meisten schnarchten bereits in ihren Kojen, oder sie vergnügten sich in den Hafenkneipen nach der Mühsal einer langen Seereise. Am äußersten Ende des Kais öffnete sich plötzlich die Tür einer der kleinsten dieser Kneipen. Eine stämmige Gestalt zeichnete sich für einen Augenblick gegen den hellen Lichtschein ab, zog die Tür hinter sich zu und schritt zum Ufer hin. »Zum Kuckuck, wo bleibt dieser unpünktliche Holländer! Soll ich seinetwegen hier warten und die günstigste Strömung zum Auslaufen verpassen? He, Jonas!« Auf den unwirschen Ruf des Kapitäns antwortete aus dem Dunkel eine Stimme von dem einige Meter seitwärts vor Anker liegenden Schiff. »Schick den Schiffsjungen herunter! Er soll nachsehen, ob sie noch immer nicht kommen. Wir müssen gleich auslaufen - mit oder ohne die Ballen! « Nach einigen Augenblicken verriet das Tappen bloßer Füße auf dem Kies der Gasse, daß der Junge unterwegs war. Der Käpt'n stellte sich vor die Tür der Kneipe. Über ihm hing das bunte Wirtshausschild. Die Uferstraße war menschenleer. Zu seiner Linken fiel gedämpfter Lichtschein durch die roten Vorhänge und zeichnete ein schwach erhelltes Viereck auf den Kies. Ganz verschwommen konnte er die Umrisse seines abfahrbereiten Schiffes, der »Blonden Maid«, erkennen. Plötzlich begann das Schild in seinen Angeln leise zu knarren. »Wind!« brummte er und blickte besorgt zum Wolkenhimmel auf. Hier und da glitzerte verräterisch ein Stern durch. Er krauste die Stirn. »Diese Krämer sind sich alle gleich. Wenn sie ihr eigenes Schäfchen im trockenen haben, pfeifen sie auf anderer Leute Sorgen. Wenn er in einer halben Stunde nicht hier ist, fahre ich ab, und damit basta!« Er fingerte nachdenklich in seinem struppigen Seemannsbart herum, warf noch einen Blick nach oben, riß die Tür auf und stapfte wieder hinein. Drinnen ging's lustig zu. An einem rohen runden Tisch saßen ein halbes Dutzend holländischer Seeleute, die ihre glückliche Rückkehr von langer Seefahrt feierten. Ihre ledernen Becher schwingend, stampften sie mit den Füßen den Takt zu einem Lied, das sie mit rauhen, sturmerprobten Kehlen schmetterten. In der hinteren Ecke lag ein Hausierer, dem der Lärm anscheinend nichts ausmachte, schlafend auf einer Bank. Sein Bündel lag neben ihm auf dem Boden, und sein lautes Schnarchen füllte die Pausen in dem Gesang aus. Die Wirtin machte sich schäkernd und scheltend am Matrosentisch zu schaffen und sorgte dafür, daß die Krüge nicht leer blieben. Dabei ließ sie kein Auge von der Kellnerin, die unermüdlich Schüsseln mit dampfender Suppe und Platten mit Roggenbrot und Käse aus der Küche herbeischleppte, und die mit ihrem pausbäcki gen, frischen Gesicht und ihrer in bauschigen Röcken steckenden drallen Figur selber fast wie ein runder Holländer Käse aussah. Kapitän Nicholas schritt durch das Lokal auf einen hoch aufgeschossenen jungen Mann zu, der sich auf der Ofenbank räkelte und seine langen Beine weit von sich streckte. Auch er trug einen groben Seemannsmantel und Wasserstiefel, aber das feine Wams, das unter dem offenen Mantel hervorschaute, und sein so gar nicht wettergebräuntes Gesicht straften seine Kleidung Lügen. Der Käpt'n schob mit dem Fuß die langen Beine beiseite und setzte sich neben den jungen Mann, »Dick«, sagte er mit gedämpfter Stimme, »unser Kaufmann ist noch nicht da. Ich muß vor einsetzender Ebbe fort, oder ich bekomme Schwierigkeiten, und außerdem tut sich ein Wind auf. Aber schließlich kann ich eure Ballen auch nicht hier liegenlassen, ohne daß jemand dahinterkommt.
Was soll ich machen?«
Der junge Mann trank seinen Krug leer, stand auf und knöpfte mit sorgenvoller Miene seinen Mantel zu. »Kommt mit hinaus«, sagte er, »Vielleicht ist inzwischen wenigstens Nachricht von ihnen gekommen. « Der Kapitän holte ein paar Münzen aus der Tasche und warf sie mit den Worten: »Hallo, Wirtin! Hier ist Geld für unsere Zeche. Was übrigbleibt, ist fürs nächste Malt« auf den Tisch. Dann folgte er mit kurzem Gruß dem anderen, der bereits vor der Tür stand. Draußen war es noch stockdunkel, aber der Wind war inzwischen merklich stärker geworden. Das Schild knarrte verdrießlich, und die Wellen klatschten leise gegen die Ufermauern. Die beiden bogen in eine der engen, krummen Gassen ein, die vom Hafen zur Hauptstraße führten. »
Die Sache gefällt mir nicht!« knurrte der Kapitän. »Ich vergebe nie mehr einen wichtigen Auftrag an einen Holländer. Er wird's verpfuscht haben, verlaßt Euch drauf. Ihr hättet selbst nach Worms reisen oder wenigstens einen zuverlässigen englischen Landsmann schicken sollen!« Der andere faßte ihn plötzlich am Arm, »Still! Ich glaube, sie kommen. Der Holländer ist schon in Ordnung, wir kennen unsern Mann!« Vom anderen Ende der Gasse her hörte man leises Klappern von Hufen. Dann war es wieder still, aber unter dem Sausen des Windes konnten sie dann und wann noch das schlurfende Geräusch von Schritten unterscheiden. Sie lauschten gespannt in die Dunkelheit, und bald war ganz deutlich der Hufschlag der Packpferde zu hören, die gemächlich die Gasse herunterkamen. Jetzt tauchte auch hinter einer Biegung eine Laterne aus der Dunkelheit auf. Sie warf einen schwachen Lichtschein auf die Beine des Leitpferdes und auf den Boden. Der Kapitän eilte zum Schiff, um die Mannschaft für die Übernahme der verspäteten Ladung zu alarmieren. Der junge Mann ging dem Zug entgegen. Der Mann mit der Laterne blieb stehen, hob sie über den Kopf und betrachtete prüfend den Näherkommenden. »Richard Carver?« fragte er. Der junge Mann nickte. »Ihr kommt sehr spät, mein Freund. Ist etwas schiefgegangen?« »In Köln hatten sie von unserem Transport erfahren«, antwortete der Holländer mit gedämpfter Stimme, »man wollte uns abfangen. Aber ein Freund hat uns rechtzeitig gewarnt, und so haben wir die Stadt umgangen. « Richard Carver machte ein bedenkliches Gesicht. »Dann werden sie jetzt hinter Euch her sein. Wir dürfen keine Minute verlieren!« Bevor das letzte Pferd die Uferstraße erreicht hatte, war schon die Packlast der vorderen von einem halben Dutzend Paar starker Arme an Bord gehievt.

Plötzlich wurde die geschäftige Stille durch einen Schrei zerrissen. Eines der erschöpften Tiere hatte heimtückisch ausgeschlagen und den Arm eines Mannes getroffen, der gerade die Traglast des Nachbarpferdes ablud. Mit einem Fluch ließ er sie fallen und sprang beiseite. In dem entstehenden Durcheinander erschien Richard Carver und mahnte: »Vorsicht, Leute, die Ballen sind sehr wertvoll! Das ist kein gewöhnliches Leinen, sondern beste Handarbeit der tüchtigsten Weber, die es auf dem Kontinent gibt. Hier, helft mir diesen Ballen verladen. Er ist aufgesprungen.« Bald war die ganze Ladung sicher im Schiffsrumpf verstaut, und Carver verabschiedete sich von dem Transportführer. »Ihr habt gute Arbeit geleistet, van Dusen, viel Glück weiterhin, und bringt bald eine ähnliche Ladung aus Worms!« »Und Euch eine glückliche Überfahrt! Ich werde unserem Freund berichten, daß alles geklappt hat. Möge Eure Ladung den erhofften Erfolg bringen!« Er wandte sich um und geleitete die Pferde durch die Gasse zurück, wo sie bald von der Dunkelheit verschluckt wurden. An Bord huschten eilige Füße über die Planken, gedämpfte Kommandos ertönten und eine Trillerpfeife schrillte durch die Stille der Nacht. Die Taue, mit denen das Schiff am Kai verankert war, wurden gelöst und die Segel gesetzt. Vor günstigem Wind glitt es lautlos meerwärts und war unter dem wolkenverhangenen Himmel schnell den Blicken entschwunden. Die Uferstraße lag wieder still und friedlich, als sich die Tür der Kneipe öffnete und der Hausierer schlaftrunken heraustrat. Die kühle, frische Luft tat ihm wohl, und als er planlos am Ufer entlangschlenderte, war nichts mehr von der geschäftigen Tätigkeit zu merken, die noch vor kurzem hier geherrscht hatte. Plötzlich stieß sein Fuß an einen kleinen eckigen, harten Gegenstand, der auf dem Kies lag. Er bückte sich, hob ihn auf und stellte fest, daß es ein Buch war, ein kleines Buch in festem Einband. Das war ein sonderbarer Fund mitten in der Nacht auf einer verlassenen Uferstraße, und er ging zum erleuchteten Fenster, um es sich näher anzusehen. Er schlug das Titelblatt auf und entzifferte mühsam die verschnörkelten Buchstaben: NEUES TESTAMENT - INS ENGLISCHE ÜBERTRAGEN Er las es laut, stockend. Dann hob er den Kopf und sah sich um, wie um sich zu vergewissern, daß ihn niemand gehört hatte.
»Das Wort Gottes«, sagte er langsam, »und in meiner Muttersprache! Das ist eine sonderbare Fracht für einen rauhen Seebären. Ich glaube, das Schiff, das diese Nacht hier am Kai lag, hat keine alltägliche Ladung mitgenommen!« Ein Windstoß fuhr um die Ecke und trug ein neues Geräusch heran: den Hufschlag mehrerer auf der Hauptstraße herangaloppierender Pferde, und bald war auch schwaches Waffengeklirr zu erkennen. Der Hausierer verstaute schnell den Fund in einer Innentasche seiner Lederjacke und eilte in die Kneipe zurück, bestellte einen Krug Bier und setzte sich in eine halbdunkle Ecke. Kurz darauf hörte man draußen Pferdegetrappel, Waffengerassel, Hin- und Herlaufen, Kommandos und Flüche. Die Tür wurde aufgerissen, und eine Gruppe von etwa zehn Männern drängte in die Wirtsstube, voran ein Offizier in der Uniform der spanischen Leibgarde, hinter ihm einige Soldaten in Lederjacken, Stahlhelmen und Brustpanzern. Der Hausierer konnte aus einer Ecke auch ein paar Priester erkennen, deren kahlgeschorene Schädel sich neben den heimbewehrten Köpfen der Soldaten recht seltsam ausnahmen. Die holländischen Matrosen an dem runden Tisch starrten, soweit sie noch nicht eingeschlafen waren, die Eintretenden wortlos an. Die Wirtin ging angsterfüllt auf sie zu, sich bei jedem zweiten Schritt ehrfürchtig verneigend. »Wo ist das englische Schiff, das vorhin hier am Kai lag? Der Lump von einem Kapitän war wohl ein guter Freund von dir?« fuhr der Offizier sie an. »0 nein, hoher Herr, kein Freund, nur Stammgast, hoher Herr - und das Schiff ist weg. Seit einer Stunde ist es weg, hoher Herr.« »So? Ist es weg? Und weißt du nicht, daß es zweitausend Bibeln an Bord genommen hat? Zweitausend Bibeln, die dieser elende Ketzer William Tyndale ins Englische übersetzt hat? Möge er in der Hölle braten!« schrie der Offizier sie an. Während er nach Luft schnappte, sagte sie unter vielen Verbeugungen: »Davon weiß ich nichts, hoher Herr. Ich weiß nur, daß er Stoffballen geladen hat.« »Stoffballen, jawohl!
Aber in ihnen waren die schändlichen ketzerischen Bücher versteckt. In Köln sind uns die Kerls durch die Lappen gegangen, und hier anscheinend auch!« Er drehte sich nach seinen Soldaten um: »Die Vögel sind fortgeflogen, Leute, aber wir können noch den Schurken, den Holländer erwischen, der uns in Köln an der Nase herumgeführt hat!« Dann schob er sie hinaus, blieb noch einmal stehen und sagte, zur Wirtin gewandt: »Hüte dich nur ja, mit Ketzern gemeinsame Sache zu machen! Es ist gefährlich für Leib und Seele!« Draußen hörte man wieder Rufe und Pferdegetrappel; dann war der ganze Spuk verschwunden, und es herrschte wieder tiefe Stille am Kai. Der Hausierer in seiner Ecke betastete seine Jacke, um sich zu überzeugen, daß sein Fund in Sicherheit war. »Zweitausendmal das Neue Testament in englischer Sprache«, sagte er zu sich selbst. »Das ist ein schwerer Schlag für den Heiligen Vater! Und diese kleinen Bücher werden dafür sorgen, daß sich die Ketzerei in England schnell ausbreitet, und selbst König Heinrich wird sie nicht unterdrücken können!«

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