Neues vom alten Trostdoktor, Lise Gast

  • Neues vom alten Trostdoktor, Lise Gast
mit den bekannten ,Randi-Romanen' von Lise Gast wurden schon zwei Leser-Generationen glücklich, und Lise Gast, die beliebte Autorin, schreibt weiter aus ihrer reichen Lebenserfahrung, für begeisterte Pferdenarren, für junge Menschen und mit tiefem Einfühlungsvermögen auch für die ältere Generation.
 
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Lise Gast, 1908 in Leipzig geboren, wurde aus Liebe zu Pferden landwirtschaftliche Lehrerin. 1933 heiratete sie und bekam sieben Kinder, drei Monate nach dem Tode ihres Mannes das achte. 1948 floh sie mit den Kindern in den Westen.

Es gelang Lise Gast, ihren Kindern in Württemberg eine neue Heimat zu schaffen, den inzwischen bekannt gewordenen Pony-Hof bei Lorch, auf dem neben vielen Gästen noch angenommene Kinder betreut werden.
Lise Gast über sich selbst: Ich habe, um meinen Kindern Heimat und Ausbildung zu geben, viele Bücher geschrieben - kaum eins ohne das Wort Pferd' ...
.Beate!`
Keine Antwort.
„Beate! Mach auf, ich bin's, Vater!"
Wieder Stille. Jörg Hagemann legte das Ohr an das Holz der Tür. Er hörte Atmen - oder Weinen? Wer konnte das unterscheiden?
Seufzend richtete er sich wieder auf, ging. Beate besaß einen Dickkopf, an dem auch andere gescheitert wären, stärkere als er. Er war zu weich seinen Kindern gegenüber, vor allem der Tochter, das wußte er längst. Diese weiche Welle heute -war sie wirklich gut? Er bezweifelte es.
Seine Frau hätte es richtig gemacht. Sie besaß jene pädagogische Begabung, der alle Moden, harte und weiche Wellen, Zeiten voll Frustrationswarnungen und ähnlichem siegreich überdauert hätte, erzog mit Strenge, Liebe, Geschick und Humor- das heißt, sie hatte so erzogen. Und dann hatte sie plötzlich behauptet, mit siebzehn und neunzehn seien die Kinder fertig, und es würde für sie selbst nun Zeit, sich zu verwirklichen. Damit war sie gegangen.
Dieses „Sich-selbst-verwirklichen'° hatte sie natürlich ironisch gemeint, in Anführungszeichen. Heute zur es ja üblich, daß sich Hausfrauen und Mütter selbst verwirklichen und in den Beruf zurückgehen mußten, während sie für ihre Kinder bezahlten, sehr hoch bezahlten, Ersatz-Mütter engagierten, bei denen die Kinder das Wichtigste vermißten., nämlich die Mutterliebe. Luka hätte das nie getan, solange die Kinder klein waren. Vor einem Jahr aber hatte sie sich verabschiedet.
Jörg war sich darüber klar, daß die Selbstverwirklichung nicht der einzige, der ausschlaggebende Grund gewesen war für die Trennung. Sie hatten einen Streit gehabt. In ihrer Ehe gab es viele Streitereien, kleine und größere, aber niemals hatte es bisher eine so ernsthafte Auseinandersetzung gegeben. Immer war es bis dahin ein fröhliches Kreuzen der Klingen gewesen mit darauf folgender Versöhnung, bei der Luka sich ein Rindvieh und ihn einen Rechthaber nannte, wobei offen blieb, was schlimmer zu bewerten war. Diesmal aber war es ein Kampf gewesen, der Wunden hinterließ. Jörg dachte nicht gern daran zurück.
Luka war gegangen. Sie hatte immer eine Reise nach Südamerika vorgehabt, jahrelang darauf gespart, das gesparte Geld wieder ausgegeben, für ihn oder die Kinder oder für -eine größere Anschaffung, ohne Opfermiene, in ihrer resolut-herzlichen Art. Und dann fing sie von neuem an zu sparen. Ihr einziger, viel älterer Bruder lebte in Chile. Sie hatten ihn besuchen wollen, seit Jörg sie kannte, niemals war es dazu gekommen. Jetzt war sie drüben, seit einem Jahr. Jörg stand und grübelte, lange. Hatte er ihr zu wenig Freiheit gegeben, daß sie ausbrach? Hatte er sie nicht genug geliebt? Hätte sie gern mehr Kinder gehabt? Vielleicht.
Rumms - das war Beates Tür, die aufflog.
„Damit du es weißt, du Widerling! Wegen dir komme ich nicht heraus. Aber ich habe eine Verabredung, zu der ich gehe!"'
Er hatte sie ganz vergessen. Sie schoß an ihm vorbei, schmetterte die nächste Tür hinter sich zu. DU Widerling' -nie hätte ein junges Mädchen der vorigen Generation ihren Vater so genannt, Auch er nicht, obwohl er kein angenehmer Sohn gewesen war, wenn er ehrlich sein wollte. Außerdem -- zu seinem Vater? Den hatte er gar nicht gekannt. Seine Mutter, Schauspielerin, später beim Film und Fernsehen tätig, hatte sich scheiden lassen, ehe er ein Jahr alt war. Vielleicht vererbte sich das wie die hängende Unterlippe der Habsburger oder die Neigung zum Alkohol, vielleicht war seine Familie zu keiner Stetigkeit in Bezug auf den Partner prädestniert.
Jörg Hagemann seufzte tief und ging in sein Arbeitszimmer hinüber. Der Schreibtisch war vollgepackt, er mochte gar nicht hinsehen. Briefe, Zeitschriften, Zeitungen, Postwurfsendungen, ekelhaft sah es aus. Einmal mußte er sich durch diesen Wust hindurcharbeiten, seit einem jahr mußte er das selbst tun. Bis dahin hatte ihm Luka das meiste abgenommen, hatte sortiert und beantwortet, vieles für ihn erledig - oh Luka, Luka! Er kam sich zum
 
gebraucht
Bestell-Nr.: BN6822
Autor/in: Lise Gast
Titel: Neues vom alten Trostdoktor
ISBN: 9783781101777 (früher: 3781101770)
Format: 18,5 x 12,5 cm
Seiten: 95
Gewicht: 130 g
Verlag: Johannes Kiefel
Erschienen: 1977
Einband: Taschenbuch
Sprache: Deutsch
Zustand: leichte Gebrauchsspuren

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