Mit Freuden unterwegs, Ingrid Trobisch

  • Mit Freuden unterwegs, Ingrid Trobisch
Was kann geschehen, wenn Gott zehn Kindern ihren Vater nimmt? - Eine ganze Familie wird in Dienst gestellt und in die Welt gesandt! - Wie dies geschah - beschreibt dieses erfrischend fröhliche und dennoch ernste Buch. - Ingrid, die älteste Tochter der Familie Hult, erzählt zunächst lebendig und mitreißend das Leben ihrer Eltern auf einer kleinen Farm in den Ozarks westlich des Mississippi. Nach dem Tode des Vaters 1943 auf dem Missionsfeld in Ostafrika ziehen getreu seinem Beispiel Ingrids Mutter und vier Geschwister nach Bolivien, Pakistan, Korea und Tanganjika. - Ingrid selbst geht mit ihrem Mann nach Kamerun. Die Schilderung des mühsamen Aufbaus einer Missionsstation im noch unevangelisierten Rey Bouba fesselt durch ihre Dramatik. Später wirkt das Ehepaar als Lehrer an einem Gymnasium in Südkamerun. Dort wird es mit den Problemen der jungen Afrikaner konfrontiert, die zwischen der Tradition und dem Neuen ihren Weg suchen.
 

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Der Untergang der »Zamzam«
Ein Maimorgen und Caesar- irgendwie paßte das nicht zusammen. Als das lange schrille Klingelzeichen schließlich das Ende der Lateinstunde verkündete, trat ich ans Fenster des Klassenzimmers. Das parkähnlich angelegte Schulgelände mit seinen Rasenflächen, Büschen und Bäumen lag im ersten zauberhaften Grün eines Frühlings in Nebraska. Es war ein besonders plötzlicher, überraschender Frühlingsanfang in diesem Jahr 1941. Fast über Nacht war der kahle Winter gewichen. Die Welt war neu und strahlend geworden. Am liebsten wäre ich hinausgelaufen. Ich tröstete mich damit, daß es nur noch zwei Wochen waren bis zum Ferienbeginn, und verstaute meine Bücher.
Draußen im Gang wurde ich plötzlich angerufen. Als ich mich umwandte, sah ich unseren Schuldirektor, Dr. Paul Lindberg. »Einen Augenblick, Ingrid«, sagte er, »ich muß dir etwas sagen. Komm mit in mein Dienstzimmer.«
Wortlos folgte ich ihm. Der Ton seiner Stimme und das betroffene Aussehen seines sonst so heiteren Gesichts erschreckten mich. War einem meiner Geschwister etwas zugestoßen? Oder Mutter? Oder gar Vater? Meine Angst steigerte sich. An der Tür des Direktorzimmers wartete schon mein Onkel Martin, ein Geschäftsmann aus Wahoo. Seine Augen waren feucht. Wir traten zusammen ein. Dr. Lindberg sagte in ruhigen, bedachten Worten: »Wir haben soeben über das Radio gehört, daß die >Zamzam< von einem deutschen Kreuzer versenkt worden ist. Man befürchtet, daß es keine überlebenden gibt.« Die »Zamzam«! Ja, das war das Schiff, das Vater von New York nach Tanganyika bringen sollte! Täglich hatten wir auf ein Telegramm gewartet, das uns seine Ankunft in Kapstadt anzeigte. Die USA hatten den Krieg noch nicht erklärt. Die »Zamzam« war ein neutrales ägyptisches Schiff. Aber sie maßte durch blockiertes Gewässer fahren.
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Vater umgekommen? Nein, das konnte ich nicht glauben. Von irgendwoher kam mir die Gewißheit: Es kann nicht wahr sein. Ich schaute zuerst auf Onkel Martin, dann auf Dr. Lindberg. »Sind Sie sicher?«
Beide nickten. Ich konnte an ihren Gesichtern sehen, daß sie von der Wahrheit dieser Nachricht überzeugt waren. Aber ich konnte es nicht glauben - mindestens jetzt noch nicht. Dr. Lindberg sagte freundlich:
»Du hast für den Rest des Tages frei, Ingrid.«
Als ich meine Bücher holen ging, mußte ich an meine Mutter zu Hause auf der Farm in der Nähe von Springfield in Missouri denken. Wie würde sie diese Nachricht aufnehmen? Dann lief ich zu meiner Großmutter, bei der ich während des Schuljahrs wohnte. Dieser Schlag mußte sie furchtbar hart treffen. Mein Vater, ihr ältester Sohn, war nicht der einzige ihrer Lieben, der sich auf der »Zamzam« befand. Eine ihrer Töchter, Mrs. Einar Norberg, die mit ihrem Mann und drei Kindern nach Tanganyikal zurückkehrte, war auch an Bord dieses Schiffes.
Ich sehe noch das kleine weiße Fachwerkhaus vor mir, den gemütlichen Schaukelstuhl auf der Veranda, die Spitzenvorhänge, die Blumentöpfe in jedem Fenster- all diese Dinge, die das Haus zu einem echten Großmutterhäuschen machten.
Es schnürte mir die Kehle zu, als ich die Haustür öffnete und in die Diele trat. Eine Flut von Erinnerungen drang auf mich ein. Ich stand genau auf dem Platz, an dem ich meinem Vater vor drei Monaten »Auf Wiedersehen« gesagt hatte. Großmutter saß im Lehnstuhl in ihrem Schlafzimmer, nahe beim Radio. Der Sonnenschein ergoß sich über ihre geliebten Blumen - noch heute kann ich die Geranien riechen-und erhellte ihr Gesicht. Sie »hielt Stille«. Diese Fähigkeit, sich in bestimmten Lebenslagen zur Ruhe zu zwingen, hatte sie sich in ihren siebenundsiebzig Jahren mühsam anerzogen, denn sie war von Natur eine sehr rege und energische Frau, die sich immer mit irgend etwas beschäftigte. 
Ich bemerkte, daß ihr Haar bis auf einige graue Streifen über ihren Schläfen noch schwarz war. Sie trug das lavendelfarbene Kleid, ihr Lieblingskleid, mit einer Amethyst-Halskette. In ihren Augen waren keine Tränen, und ihr Gesicht war heiter.
Ich legte meine Hand auf die ihre. Still saßen wir eine Weile beieinander in gegenseitigem Verstehen. Ich spürte, daß auch sie Hoffnung hatte. Trostworte waren überflüssig. Noch sah ich sie vor mir, wie sie von meinem Vater Abschied nahm. Ihr Kopf reichte bis an seine Schultern. Sie hatte zu ihm aufgeschaut:
»Ralph, weißt du noch, wie du vor zweiundzwanzig Jahren das erste Mal nach Afrika aufbrachst? Der Erste Weltkrieg war gerade zu Ende. Ich sagte dir damals, daß dies der glücklichste Tag meines Lebens sei. Heute möchte ich dasselbe noch einmal sagen.«
Und nun hörte sie im Radio, daß sie nicht nur einen Sohn, sondern auch eine Tochter verloren hatte samt deren ganzer Familie. Dennoch war sie ruhig und beherrscht. Wie bewunderte ich sie!
In diesem Augenblick hielt vor dem Haus ein Auto. Ein Mann, der eine Kameratasche umhängen hatte, eilte die Stufen herauf. »Ich komme vom >Herald< in Omaha«, sagte er, als ich die Tür öffnete. »Ich möchte gerne Mrs. Hult interviewen.« Ich empfand die Störung in dieser Stunde als peinlich; aber ich mußte ihn wohl oder übel hereinlassen. »Der Untergang der >Zamzam< füllt die Schlagzeilen im ganzen Land«, sagte er zu Großmutter. »Ich habe die Passagierliste. Stimmt es, daß sich ein Sohn und eine Tochter von Ihnen an Bord befanden?« Sie bot ihm einen Stuhl an. Ruhig und ohne Zittern in der Stimme beantwortete sie seine Fragen.
»Warum reiste Ihr Sohn gerade jetzt nach Afrika aus, wo er doch wußte, daß es gefährlich ist?« fragte der Reporter.
Großmutter antwortete nicht sofort. Statt dessen stand sie auf und ging zu ihrem Schreibtisch.
»Ich habe hier seinen letzten Brief«, sagte sie. »Lassen Sie mich daraus einige Zeilen vorlesen:
>Wir gehen nicht auf eine Vergnügungsreise. Wir suchen keine Abenteuer. Es handelt sich um eine dringende Dienstreise im Auftrag Gottes. Er gab uns die Zusage: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. - Warum sollten wir dieser Zusage nicht trauen?«
Der Reporter reagierte nicht darauf. Er fotografierte uns beide, wie wir am Radio saßen und besorgt auf weitere Nachrichten warteten. Dann packte er wieder zusammen. »Ich muß mich beeilen, 
wenn ich die Sache noch für die Nachmittagsausgabe hinkriegen will«, sagte er und schaute auf die Uhr. »Ich brauche fast eine Stunde für diese vierzig Meilen nach Omaha.«
Als er gegangen war, ging Großmutter in die Küche, um Kaffee zu kochen; ich saß unterdessen am Fenster und schaute gedankenverloren hinaus. Ich mußte noch über die Fragen des Reporters nachdenken. Ob es Großmutter gelungen war, ihm klarzumachen, warum Vater nach Afrika zurückkehren mußte? Da kam mir das Gespräch wieder in den Sinn, das ich vor einer Woche in diesem Haus mitangehört hatte. Einige Verwandte besuchten meine Großmutter. Ich machte Schulaufgaben im Nebenzimmer und kümmerte mich um das Stimmengemurmel nicht, bis ich das Wort »Zamzam« hörte.
»Keine Zeitung hat bisher die Ankunft der >Zamzam< in Kapstadt gemeldet«, sagte eine männliche Stimme. »Sollte sie nicht am 20. April dort eintreffen?«
»Ja, das stimmt«, erwiderte eine andere Stimme.
»Nun, heute ist der 10. Mai. Ich fürchte, das ist ein schlechtes Zeichen«, sagte ein dritter.
»Ich muß sagen«, bemerkte da eine Frau, »ich verstehe nicht, was sich Gertrude eigentlich dabei gedacht hat, als sie Ralph gehen ließ - besonders in solch einer Zeit! Und wenn ihm nun etwas zustößt? Wer wird sie und die zehn Kinder versorgen?« »Außerdem ist ja das jüngste Kind noch nicht einmal drei Jahre alt!« rief irgend jemand dazwischen. »Paul ist der Älteste und hat doch gerade erst mit seinem Studium begonnen!« »Wie steht's mit Ralphs Versicherung?« sagte wieder die männliche Stimme. »Wie hoch ist sie?«
»Sie beläuft sich auf nicht mehr als tausend Dollar.«
»0 weh, das wäre nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man an all die Kinder denkt, die noch eine Ausbildung brauchen«, sagte jemand anderes.
»Ihr könnt alle sagen, was ihr wollt, über diese hilfsbedürftigen Afrikaner«, erklärte eine Frau entrüstet, »aber hier ist auch Not. Meine Ansicht ist, daß es Ralphs vordringlichste Aufgabe wäre, sich um die eigene Familie zu kümmern.«
Ich traute meinen Ohren nicht. Dachten meine Verwandten wirklich so? Ich war wie vor den Kopf geschlagen, als ich hörte, wie sie meine Mutter kritisierten, weil sie Vater hatte gehen lassen - wo wir
alle doch so lange darum gebetet hatten, daß sich ihm die Tür nach Afrika öffne!
Ich konnte meine Verwandten nicht verstehen. Mein erster Impuls war, ins Zimmer zu eilen und sie anzuschreien.
Aber es war nicht möglich - meine Kehle war wie zugeschnürt. Statt dessen lief ich in die Besenkammer unter der Treppe. Ich stolperte über den Staubsauger und saß plötzlich auf einem Stoß alter Illustrierten und weinte mich aus. Es beruhigte mich, noch einmal in Gedanken die letzten Tage vor der Abreise meines Vaters an mir vorüberziehen zu lassen.
Er war so glücklich gewesen! Das war nur zu verständlich. Fünfzehn Jahre lang hatte er sich danach gesehnt, wieder nach Afrika zu gehen - fünfzehn Jahre, in denen er als Reiseprediger, Buchverkäufer und Straßenarbeiter den Unterhalt für seine Familie verdiente, hoffend und wartend.
Fast sein ganzes Leben hatte er mit Warten verbracht! Von Kindheit an wollte er Missionar werden. Aber er mußte warten, erst auf die Möglichkeit der Schulbildung, dann auf die Berufung. Nach der Hochzeit begannen seine Träume sich zu erfüllen. Es waren die sechs Jahre, die er und Mutter auf den Missionsfeldern in Nigeria und dann in Tanganyika verbrachten. Dort wurden meine Brüder Paul und John und ich geboren, und auch unsere kleine Schwester Ruth, deren Grab an den Abhängen des Kilimandscharo liegt. Die Missionsleitung entschied dann während seines Urlaubs 1926, daß die Arbeit, die Vater in Westafrika begonnen hatte, wegen finanzieller Schwierigkeiten nicht fortgesetzt werden könne. Aber er wurde auch nicht nach Tanganyika zurückgerufen. So wartete er, bis nach fünfzehn Jahren des Schweigens an einem Januartag des Jahres 1941 endlich ein Brief von der Missionsgesellschaft kam. Darin stand, was er bereits wußte. Es war große Not auf den Missionsfeldern Ostafrikas, die verwaist waren, weil so viele deutsche Missionare infolge des Krieges entweder interniert oder deportiert worden waren. Die Missionsleitung fragte nun in vorsichtigem Ton an, ob er, Ralph Hult, nun zweiundfünfzig Jahre alt und Vater von zehn Kindern, gewillt sei, nach Tanganyika zurückzukehren, solange dieser Ausnahmezustand anhielt.
In seinem Innern müssen Stürme getobt haben. Er wußte nur allzu gut, was es bedeutete, wenn er ja sagte: Trennung nicht nur von seiner Frau, sondern auch von seinen heranwachsenden Kindern, die
 
Inhalt
Der Untergang der »Zamzam«
Heimkehr und neuer Abschied
Zwischen zwei Laternen
Ein Grab in Daressalaam
Der grüne Koffer
Erste Schritte
Paris und ein Prinz
Dschungelkönigin
Eine Hochzeit, ein Triumphbogen und eine Ruine aus Lehm . 
Das erste Jahr in Tchollire oder: Audienz bei Lamido
Zwischen den Fronten
Urlaub in Deutschland und Amerika
Zwei wagemutige Großmütter
Saatzeit in Libamba
Die Welt wird uns ein kleines Dorf
Epilog 

gebraucht
Bestell-Nr.: BN5354
Autor/in: Ingrid Trobisch
Titel: Mit Freuden unterwegs
ISBN: 9783878270348 (früher: 3878270348)
Format: 13,5 x 20,5 cm
Seiten: 208
Gewicht: 270 g
Verlag: Editions Trobisch
Erschienen: 1977
Einband: Paperback
Sprache: Deutsch
Zustand: leichte Gebrauchsspuren

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