Geschichte des Dorfes Le Chambon

©Neukirchener ISBN3 7887 0722 4
Dass nicht unschuldig Blut vergossen werde, Geschichte des Dorfes Le Chambon und wie dort Gutes geschah
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Es war einmal ein Kunstkritiker, so hat man mir erzählt, der eine sichere Methode hatte, die Echtheit von alten Malteser Kunstobjekten festzustellen: Wenn er vor ihnen stand, mußte er weinen. In ähnlicher Weise reagierte John Keats: Immer, wenn er mit etwas wirklich Wertvollem konfrontiert war, durchfuhr ihn der Gedanke an seine geliebte Fanny Brawne bzw. an etwas, das für ihn in einem Zusammenhang mit ihr stand, »wie ein Speer«, sagte er einmal.
Natürlich handelt es sicb'dabei nur um Symptome dafür, daß etwas wirklich Wertvolles wahrgenommen wird, um Reaktionen, nicht um feste Regeln, die wir alle anwenden könnten, um wirklich Wertvolles von Wertlosem zu unterscheiden. Aber jeder Arzt kann bestätigen, daß Symptome wichtig sind, und wie Schmerz Symptom einer Krankheit sein kann, kann schmerzhafte Freude eine zuverlässige Reaktion auf etwas wirklich Wertvolles sein.
Eines Nachmittags las ich in Dokumenten über das zwölfjährige Reich Adolf Hitlers. Mich beschäftigte in erster Linie nicht die Politik jener Jahre, sondern die Grausamkeiten, die in den Todeslagern Mitteleuropas verübt worden waren. Schon seit Jahren hatte ich über das Phänomen der Grausamkeit geforscht, jenes langsame Zutodeschinden eines menschlichen Wesens durch andere menschliche Wesen. Ich war den Folterungen nachgegangen, die Weiße an den indianischen Ureinwohnern und später an den Schwarzen in Nord- und Südamerika verübt hatten —jetzt las ich vorwiegend von den Folterex-. perinienten, die die Nazis an kleinen Kindern in ihren Todeslagern durchgeführt hatten.
Durch all meine Studien zog sich stets das gleiche Schema: die Vernichtung der Schwachen durch die Starken, immer wieder. Zuweilen reagierte ich mit bitterer Wut, doch mehr und mehr ließen mich die ständigen Wiederholangen des immer gleichen Verfolgungsschemas unberührt. Doch - in dem Moment, wo ich nicht mehr darauf brannte, grausam zu den Grausamen zu sein, war ich wie wahrscheinlich viele andere um mich herum selbst ein Ungeheuer - ein Ungeheuer, das ohne zu schaudern auf Folter und Tod blicken konnte und das darum auch das Leben ansah, ohne an seine Kostbarkeit zu glauben. Meine Studien über die Manifestationen des Bösen waren mir zum Gefängnis geworden: Sein Gitter war meine Verbitterung gegen die Gewalttäter und seine Mauern meine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber dem langsamen Dahinniorden. Zwischen Gitter und Mauern wand ich mich wie ein Wahnsinniger. Ich las über die Verdammten und war selbst verdammt, so verdammt wie die Mörder und so verdammt wie ihre Opfer. Irgendwie hatte ich mich im Lauf der Jahre in die Hölle hineingegraben, um Erlösung wußte ich nicht mehr, an einen möglichen Ausweg dachte ich nicht mehr.
An diesem Tag las ich eine Sammlung von Dokumenten über den Holocaust  und stieß dabei auf einen kurzen Artikel über ein kleines Dorf in den Bergen Südfrankreichs. Wie-immer bemühte ich mich, objektiv zu sein; ich versuchte, die Formen und Elemente der Grausamkeit und des Widerstands dagegen zu sortieren, wie ein Tierarzt die Herden nach kranken und gesunden Rindern sortiert. Schließlich machte ich diese Arbeit ja nicht, um mich selbst zu quälen, sondern um die Würdelosigkeit und die Würde des Menschen besser zu verstehen.
Als ich in dem Bericht über das Dorf auf der Mitte der dritten Seite angelangt war, störte mich plötzlich ein eigenartiges Gefühl in meinem Gesicht. Die Geschichte war so einfach und enthielt so viele Tatsachen, daß es mir leichtfiel, mich darauf zu konzentrieren und nicht auf meine eigenen Gefühle. Und so, im Weiterlesen und im Nachdenken darüber, wie gut einiges davon in die alten Verfolgungsschemata hineinpaßte, fuhr ich über mein. Gesicht, um das, was mich dort störte, wegzuwisehen, und spürte Tränen an meinen Fingern - nicht eine oder zwei, mein ganzes Gesicht war naßgeweint.
»Sei vorsichtig«, sagte mir mein Verstand, »sonst verlierst du wieder einmal den Boden unter den Füßen. Anstatt über die Grausamkeit nachzudenken, wirst du selbst eines ihrer Opfer, wie schon öfters.« Und ich war unzufrieden mit mir selbst, weil ich mich hatte hinreißen lassen.
Deshalb klappte ich das Buch zu und verließ mein Arbeitszimmer in der Universität. Als ich nach Hause kam, lenkten mich meine geschäftige italienische Frau und meine lärmenden Kinder ab. Ich fühlte kaum mehr den Speer, der mich durchbohrt hatte. Aber als ich in jener Nacht mit geschlossenen Augen im Bett lag, konnte ich deutlicher als zuvor die Bilder sehen, die mich zu Tränen gerührt hatten. Ich sah, wie die beiden plumpen, khakifarbenen Gefangenen-Transportwagen der Vichy-Polizei in das Dorf hineinfuhren. Ich sah den Polizeihauptmann dem Dorfpfarrer gegenüberstehen und ihm drohen: Wenn er die Namen der Juden, die im Dorf versteckt seien, nicht nennen würde, so würden er und sein Kollege und auch die Familien, die sich um die Juden kümmerten, festgenommen. Ich sah, wie der Pfarrer sich weigerte, diese Leute anzugeben, die als Fremde in sein Dorf gekommen waren, obwohl er damit sein eigenes Leben aufs Spiel setzte.
Und dann sah ich den einzigen Juden, den die Polizei hatte finden können, in dem leeren Transportwagen sitzen. Ein dreizehnjähriger Junge, der Sohn des Pfarrers, reichte dem Gefangenen ein Stück seiner kostbaren Schokolade durch das Fenster, während zwanzig Gendarmen diesen einsamen Gefangenen bewachten. Und dann sah ich die Dorfbewohner, wie sie ihre kleinen Gaben durch das Fenster schoben, bis der Gefangene ganz von Geschenken umgeben war; das meiste waren Eßwaren, und das in den Hungerzeiten der deutschen Besatzung.
Als ich da in meinem Bett lag, kamen mir wieder die Tränen. Warum sollte ich eigentlich vor dem wirklich Wertvollen fliehen, nur weil es mein Herz wie ein Speer durchbohrte? Als ich so dalag, wurde mir klar, daß es in meinem Bewußtsein einen Bereich gab, in dem Männer und Frauen in blutbefleckten weißen Kitteln aufmerksam wahrgenommen wurden, die die Knochen von sechs- bis achtjährigen jüdischen Kindern wieder und wieder brachen, »um den Heilungsprozeß zu studieren«, wie die Nazis sagten. Das alles wußte ich. Aber warum wußte ich nichts Gutes? Warum war kein Raum für Trost? Warum mußte ich mich selbst zu den Millionen Opfern gesellen?
Warum mußte mein Leben davon bestimmt sein, daß dort Kinder lagen und mit ihren Kinderaugen zu den Erwachsenen emporschauten, die ihnen ein Bein zum zweitenmal, den Brustkorb zum drittenmal brachen? Aber es war doch etwas geschehen, in jenem Bergdorf war jahrelang etwas ganz anderes geschehen - warum sollte ich davor zurückschrecken?
Zum Ärger meiner Frau verließ ich mein Bett; ich konnte nichts sagen. Ich zog mich an, ging unter dem sternenlosen Himmel quer über das dunkle Universitätsgelände und las dann noch einmal die wenigen Seiten über das Dorf Le Chambonsur-Lignon. Zu meiner Überraschung spürte ich wieder den Stich, kamen mir wieder die Tränen, fühlte ich wieder die irrsinnige, schmerzhafte Freude, die einen überkommt, wenn ein tiefes Bedürfnis befriedigt wird oder wenn eine tiefe Wunde zu heilen beginnt.
In dieser Nacht nahm ich mir vor, nicht zu ruhen, bis ich das alles verstanden hätte. Ich nahm mir vor, es so zu verstehen, daß ich es besser festhalten könnte als eine Träne oder ein Bild. Da ich über Ethik forschte und lehrte, wollte ich anwenden, was ich über die in ihr entwickelten Normen wußte, um so den Segen zu begreifen, der - zumindest für mich selbst - von Le Chambon ausging. Jene unfreiwilligen Tränen waren ein Ausdruck moralischer Hochachtung, einer Hochachtung, die aus meiner ganzen Persönlichkeit heraustrat wie der Saft aus einer Traube. Und zu dieser Persönlichkeit gehörten die Vorstellungen von Gut und Böse, die ich durch Jahrzehnte hindurch gelernt und gelehrt hatte.
Aber ich wollte aus Le Chambon nicht ein »Beispiel« für Güte und Moral machen. Ich wollte diese Geschichte nicht dazu benutzen, um irgendeine abstrakte Vorstellung von dem, was man unter Ethik versteht, zu erklären. Der Zweck ist wichtiger als das Mittel, und mein Ziel war es, die Geschichte von Le Chambon zu verstehen. Nur deshalb wollte ich auch die Terminologie der philosophischen Ethik zu Hilfe nehmen. Oder, um es genauer zu sagen, ich wollte die Begriffe der Ethik verwenden, um meine moralische Hochachtung für die Taten der Leute von Le Chambon besser zu verstehen.
Ein Jahr später nahm Pastor Üdouard Theis meinen Arm, um nicht auf der vereisten Straße von Le Chambon auszugleiten. Der Winterwind, la burle, blies auf diesem Plateau ganz merkwürdig: Anstatt den Schnee von der Hochebene, auf der Le Chambon liegt, hinunterzuwehen, wirbelte er ihn am Boden um unsere Füße herum. Die schlanken Fichten auf beiden Seiten der Straße bewegten sich kaum. Der Wirbelwind verfing sich in den Zweigen der niedrigen, immergrünen Büsche am Straßenrand, Sie schlugen mit ihren grünen Fingern um sich und zeigten in tausend Richtungen oder in keine. Früher hatten die Leute auf dem Plateau die langen Zweige benutzt, um Besen daraus zu binden; deshalb bezeichnen sie die Büsche auch nicht mit ihrem richtigen Namen, les genets (Ginster), sondern nennen sie les balais (Besen).
Es war ein besonders dunkler Abend. Der protestantische Pfarrer und ich befanden uns nach einem Tag voller Gespräche mit Leuten aus Le Chambon auf dem Heimweg. Theis hatte Grippe und fühlte sich elend und trauerte um seine Frau Miidred, die vor zwei Jahren gestorben war. Alles paßte zu dieser Stimmung: der Wind, das Glatteis, die wild wedelnden Ginster-zweige in der dunklen Nacht. Während eines Gesprächs hatte Pastor Theis gesagt: »Ach, ich bin unglücklich, seit dem Tod meiner Frau.« Und sein schwerer Kopf, seine große, gebogene, scharf geschnittene Nase, seine breiten Schultern, alles schien zusammenbrechen zu wollen. Das also war der Mann, der ei-nein anderen Pfarrer, Andre Trocm, geholfen hatte, während der Nazi-Herrschaft vier Jahre lang das französische Dorf Le hambon zu einem der Hauptrefugien für die Rettung jüdischer Flüchtlinge zu machen! Während der letzten Monate dieser vier Jahre - er stand auf der Schwarzen Liste der Gestapo - führte er Flüchtlinge über die ostfranzösischen Berge sicher zur Schweizer Grenze, mitten durch die französische Polizei und die deutschen Truppen hindurch.
Obwohl Theis an mir Halt suchte, um auf diesen eisigen Bergstraßen nicht zu fallen, half er doch auch mir, daß ich nicht ausrutschte, während wir langsam nach Hause gingen. Ich hatte Bilder von ihm gesehen, auf denen er etwa dreißig Jahre alt war. Er war der »Fels von Le Chambon«, eine mächtige Gestalt mit einem vollen, fast runden Gesicht und schweren, breiten Schultern. Aber jetzt war Pastor Theis fünfundsiebzig, und ich fühlte unter seinem Mantel (in Wirklichkeit waren es zwei dünne, zerfetite Regenmäntel) einen mageren, zitternden Körper.
Ach, lieber Gott, dachte ich, während wir uns gegen den Wind vorwärts kämpften, laß uns nicht den Boden unter den' Füßen verlieren. Es war, als ob der Besenginster alles hinwegfegen wollte oder hinein und hinab in die Finsternis. Bei unserem letzten Interview hatten wir mit Madame Marion und ihrer Tochter gesprochen, zwei der tapferen Frauen aus Le Chambon während der Besatzungszeit. Die sechzigjährige Tochter hatte mir auf ihre Art von Pastor Theis' Rückkehr aus der Haft erzählt. Sie berichtete, wie Theis und Trocm6 aus dem Zug stiegen, wie die Dorfbewohner sie in Scharen erwarteten und eine Gasse für sie offen ließen. An der Bahnstation herrschte vollkommene Stille, kein Wort, kein Kindergeschrei, kein Scharren von Füßen war zu hören. Die beiden Heimkehrenden schritten durch die offene Gasse, die sich geräuschlos hinter ihnen schloß, die Dorfbewohner gingen hinter ihnen her.
Pastor Theis war überrascht, als er das hörte. »Ich erinnere mich an keine Stille. Wenn Trocmd noch lebte, würde er sich vielleicht erinnern«, sagte er.
»Doch, Herr Theis«, sagte die jüngere Dame Marion in ihrer raschen, sachlichen Art, »alles war ruhig, und zwar aus einem einfachen Grund. Die Gestapo war nämlich auch da und einige Kollaborateure aus Vichy. Sie suchten nach einem Vorwand, um Sie wieder festnehmen zu können. Haben Sie das nicht gemerkt?«
»Vielleicht habe ich es gemerkt und habe es vergessen«, murmelte Theis, »aber ich bin nicht sicher, ganz und gar nicht. Und Andre Trocm6 ist tot.« Die Geschichte von Le Chambon war drauf und dran, aus der Erinnerung der Menschen zu verschwinden.
Baal-Shem-Tov, der Begründer des Chassidismus - der jüdischen Bewegung, die Gott in Gut und Böse, also überall, findet -‚ hat einmal gesagt: »Inder Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.« Dieser Spruch steht am Anfang einer Erklärung des Staates Israel, einer Erklärung, in der bestätigt wird, daß Andr6 Trocmd, der geistliche Führer des Dorfes Le Chambon, »während der Epoche der Vernichtung unter Einsatz seines Lebens Juden gerettet hat«. Das gleiche Zitat steht auch in der Verleihungsurkunde der Medal of Righteousness, die der Staat Israel Trocm6 verliehen hat.2 Wenn das Geheimnis der Erlösung in der Erinnerung liegt, dann geht sie verloren durch das
2 Inzwischen hat Edouard Theis ebenfalls diese Auszeichnung erhalten.
Vergessen. Nach mehr als dreißig Jahren bestand die Geschichte von Le Chambon nur noch aus einem wenig bekannten Dokument von knapp zwölf Seiten, und auch dies steckte voller Fehler und Ungenauigkeiten. Die ganze Geschichte konnte man nur noch in der Erinnerung einiger weniger Leute finden, die jetzt alt und krank waren.
Auf meinem Gang mit Pastor Theis an jenem Januarabend des Jahres 1976 hatte ich Angst, daß es mir nicht gelingen würde, das »Geheimnis der Erlösung« zu entdecken, das in jener Geschichte von AndM Trocm6 und den Leuten von Le Chambon liegt, wie sie unter Lebensgefahr Menschenleben retteten. Ich wußte, daß ich die Geschichte nicht so umfassend wie ein sorgfältiger Historiker erzählen konnte. Weder konnte ich noch wollte ich jede Einzelheit berichten, die ich finden konnte, und ich war auch nicht religiös genug, um sicher zu sein, was Baal-Shem-Tov unter »Erlösung« verstand. Aber ich war davon überzeugt, daß hier in Le Chambon Gutes geschehen war, und ich war in diese hochgelegene südfranzösische Stadt gekommen, um dieses Gute an Ort und Stelle zu verstehen.
So, wie ich bisher gelebt habe, habe ich nie daran gezweifelt, daß das Böse im Sinne von »Kummer und Leid zufügen« möglich ist. Es war geschehen, und auch ich hatte es erfahren: Als ich sieben Jahre alt war, schlugen mir in New Lenox, Illinois, zwei ältere, blonde Jungen das Gesicht blutig, nur weil ich ein Jude war. Im Zweiten Weltkrieg kam ich als Artillerist an menschlichen Körpern vorbei, die am Straßenrand lagen wie Frischfleisch in einem Metzgerladen, von unserer Artillerie in fußlange Stücke zerfetzt. Mehr als sechs Monate lang war ich in einer Artillerieeinheit, die 155-Millimeter-Granaten in die deutschen Truppen hineinschoß. Seit jener Zeit erinnert mich ein schrilles Ohrensausen unaufhörlich daran, daß ich Menschen getötet habe. Gäbe es nur solche Dinge auf der Welt, wäre das Leben zu schwer für mich. Die Lügen, die ich meinen Kindern erzählen müßte, um sie in Hoffnung aufzuziehen—und Kinder brauchen Hoffnung ebenso notwendig wie Pflanzen die Sonne -‚ würden die Last unerträglich machen.
Ich erforsche und lehre, was Gut und Böse ist; doch ist für mich die Ethik wie die übrige Philosophie keine abstrakte, unpersönliche Angelegenheit. Schon Sokrates lehrte, daß der Mensch Zweck und Gegenstand der Ethik sei. Da es in ihr um Personen geht, ist es nur natürlich, wenn sie auch persönlichen Gefühlen Ausdruck gibt - ein Zug, dessen sich ein streng wissenschaftliches Vorgehen, etwa bei der Abfassung eines Laborberichts, zu schämen hätte. Meine eigene Leidenschaft aber war die Sehnsucht nach einer realistischen Hoffnung. Ich wollte glauben, daß das Leben, das ich untersuchte, kostbarer war als die Hölle, in die ich mich bei meiner Untersuchung des Bösen hineingegraben hatte.
Aber es war nicht leicht herauszufinden, was nun eigentlich in diesem Dorf geschehen war. Angesichts der Weltgeschichte war es etwas sehr Geringes. Der Geschichte von Le Chambon fehlte der Glanz, die Glorie kriegerischer Ereignisse. In der Geschichte der Nationen werden Siege und Niederlagen großgeschrieben, weil Leben und Glück so vieler Menschen davon abhängen. Der Zweite Weltkrieg zwischen den Achsenmächten und den Alliierten war ein der Öffentlichkeit zugängliches Phänomen; Berichte von Militärs, Journalisten und Regierungen informierten die Öffentlichkeit ausgiebig. Er hat die Menschheit nachdrücklich und tief geprägt, während und auch noch nach dem Krieg. Die Sprache, mit der er dargestellt wird, ist grandios: Der Krieg selbst war ein »Weltkrieg« mit vielen »Helden«, es gab »Kriegsschauplätze«, und Soldaten, die an größeren »Feldzügen« teilnahmen, erhielten »Ordenssterne«.
Keiner von diesen Ausdrücken paßt für das, was in Le Chambon geschehen ist. Weder »Krieg« noch »Kriegsschauplatz« sind geeignete Bezeichnungen dafür. Die Geschichte von Le Chambon entwickelte sich, ohne daß jemand darüber berichtete. Was geschah, geschah heimlich, denn die Bevölkerung von Le Chambon hatte keine militärische Macht wie die Nazis, die Frankreich besetzt hatten, oder wie die Vichy-Regierung, die mit den Eroberern zusammenarbeitete. Hätten die Leute von Le Chambon versucht, ihren Gegnern offen die Stirn zu bieten, hätte es keinen Kampf gegeben, sondern nur eine sofortige und totale Niederlage. Ihre Waffe war die Verschwiegenheit, nicht militärische Macht.
Der Kampf von Le Chambon spielte sich von Anfang bis Ende in der Privatwelt der Wohnungen ab. Wichtige Entscheidungen dieses Kampfes fielen in den Küchen; und es waren nicht nur Männer, die sie fällten - oft spielten Frauen die zentrale Rolle. Eine Küche ist ein ganz privater Ort; da gibt es keine Uniformen, keine Rangabzeichen wie im öffentlichen
Dienst oder bei öffentlichen Hilfsorganisationen. In einer kleinen Küche machen sich nur wenige Leute zu schaffen. In Le Chambon änderte sich das Schicksal von nur ein paar Tausend Menschen, während es bei den »Großtaten« des Zweiten Weltkriegs um viele Millionen von Menschenleben ging.
Der »Küchenkampf« von Le Chambon hatte etwas von jenem Kleinkrieg, der im Lauf der Besatzungsjahre mehr und mehr aufkam. Guerilla-Aktionen, heimlicher, gewaltsamer Widerstand gegen die deutsche Besatzung waren ebenso ein Teil der Geschichte wie das Geschehen in dieser kleinen Gemeinde. Verschwiegenheit und möglichst wenig schriftliche Aufzeichnungen waren für die Guerilla-Aktionen ebenso notwendig wie für den Widerstand der Leute von Le Chambon. Die militärische Schwäche machte dies in beiden Fällen zu einem absoluten Gebot.
Und doch ist der »Küchenkampf« etwas ganz anderes als der Buschkrieg oder »Maquis« (nach dem maquis, dem niedrigen, dornigen Buschwald des trockenen Hügellands wurde der Flügel des bewaffneten Widerstands benannt, der keine direkte Verbindung mit de Gaulles Geheimarmee hatte). Die Guerillas kämpften für die Befreiung ihres Vaterlands. Einige erhielten Befehle von de Gaulles Exilregierung (»Freies Frankreich«), andere standen mit der Sowjetunion in Verbindung, wieder andere hatten keine besonderen politischen Bindungen; doch alle waren paramilitärische Kampforganisationen. Besonders im Krieg suchen solche Gruppen den Feind mit gewaltsamen Mitteln zu besiegen. Ihre Hauptaufgabe besteht nicht darin, Menschen zu retten, sondern den Staat. Und vor allem in Kriegszeiten geht es ihnen nicht um Menschenliebe, sondern um Heldentum: ruhmreich leben und sterben für eine große Idee. Das Gewissen des einzelnen in militärischen Einheiten marschiert im Gleichschritt mit dem Selbstverständnis dieser Einheiten selbst. Beim Buschkrieger wie beim Soldaten geht »Pflicht« vor Gewissen.
Doch die Leute von Le Chambon, die Pastor Andrü Trocm& in einen heimlichen Kampf gegen Vichy und die Nazis führte, kämpften nicht für die Befreiung ihres Landes oder ihres Dorfes. Sie fühlten sich keiner Regierung verpflichtet. Ihre Aktionen dienten nicht dem Eigeninteresse der kleinen Gemeinde Le Chambon-sur-Lignon im Departement Haute-Loire in Südfrankreich; im Gegenteil, sie liefen diesem Eigeninteresse zuwider. Der Widerstand gegen eine Macht, die viel größer war als ihre eigene, brachte ihr Dorf in ernste Gefahr, vor allem in den letzten beiden Besatzungsjahren, als die'-Deutschen anfingen, Verzweiflungstaten zu begehen. Unter der Leitung ihres geistlichen Führers versuchten die Leute von Le Chambon, mitten in einem blutigen, haßerfüllten Krieg im Einklang mit ihrem Gewissen zu handeln.
Und das bedeutete für sie Gewaltfreiheit. Ihrem Gewissen folgen hieß: kein menschliches Wesen hassen, kein menschliches Leben töten. Darin liegt der große Unterschied zu den anderen Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs. Das menschliche Leben war ihnen zu kostbar, als daß es aus irgendeinem Grund vernichtet werden durfte, so bedeutend und ruhmreich er auch sein mochte. Ihr Gewissen befahl ihnen, so viele Menschenleben zu retten, wie sie nur konnten, auch wenn das hieß, daß sie das Leben aller Dorfbewohner aufs Spiel setzten; und sie gehorchten ihrem Gewissen.
Aber Gewissenstaten machen keine Schlagzeilen, vor allem nicht im Krieg. Nur was direkt mit dem Eigeninteresse der Nation zusammenhängt, hat auf der Waage des Ruhms Gewicht. Darum wurden die Heckenschützen der Linken und die Geheimarmee General de Gaulles während der Besatzungszeit insgeheim von der ganzen Nation verehrt und hernach in alle Himmel erhoben; darum brachte auch der bewaffnete Widerstand Helden hervor wie General de Gaulle selbst oder den heißgeliebten Koordinator des bewaffneten französischen Widerstands, Jean Moulin.
In der Geschichte von Le Chambon gibt es keine solchen im ganzen Volk bekannten Namen. Als Frankreich befreit war, gab es für Andre Trocm und die Einwohner von Le Chambon keine Triumphzüge durch die Straßen von Paris und Marseille. Und das war auch ganz in Ordnung: Sie hatten zur Rettung der französischen Nation keinen direkten Beitrag geleistet. Sie waren weniger französische Patrioten als vielmehr bloß Menschen, die ihrem Gewissen gefolgt waren. Als der Krieg in Europa zu Ende war, ging es rasch abwärts mit der Gemeinde Le Chambon. Fast alle, die gekommen waren, um zu helfen, verließen sie, als die Verfolgungen aufhörten. Die internationale pazifistische Schule, die Trocm und Theis vor dem Krieg gegründet hatten, die Schule, die vier Jahre lang so viele Flüchtlinge verborgen hatte, mußte aus Mangel an Geld und Interesse beinahe schließen. Bald nach der Befreiung Frankreichs ging Trocm nach Amerika, den Hut in der Hand, in seinem einzigen guten Anzug und seinem einzigen Paar Lederschuhe, in der Hoffnung, Geld und Mitarbeiter zu finden, um die Schule—und Le Chambon - am Leben zu erhalten. Was er jedoch in Amerika fand, war nichts als totale Unkenntnis dessen, was sich in diesem Ort ereignet hatte. Den Rettern einer Nation kommt man gerne entgegen, aber für die Retter von ein paar tausend verzweifelten Menschen findet sich in der Regel nur wenig Sympathie.
Es liegt auf der Hand, daß die Geschichte des Kampfes von Le Chambon vom politischen und militärischen Standpunkt aus unbedeutend ist. Aber sie ist ethisch von Bedeutung. Das Wort »Ethik« kann auf das griechische Wort für Charakter zurückgeführt werden, die Art des Fühlens, Denkens und Handelns einer einzelnen Person. Die Ethik befaßt sich damit, bestimmte Charaktereigenschaften zu würdigen und andere zu verurteilen. In dem Bereich der Ethik, der von Leben und l4od handelt (im Gegensatz z. B. zur Sexual- oder Berufsethik), wird jemand kritisiert, wenn er menschliches Leben zerstört, es sei denn, daß das Töten in irgendeiner Weise entschuldigt oder gerechtfertigt werden kann. Dagegen wird ein Mensch, der die Vernichtung menschlichen Lebens vermeidet oder verhindert, gelobt, es sei denn, man kann beweisen, daß sein Tun trotzdem einen zerstörerischen Einfluß auf dieses Leben gehabt hat. In der Ethik von Leben und Tod verwenden wir oft den Ausdruck »schlecht«, um eine Person zu kritisieren, und »gut«, um sie zu würdigen. Wir können aber auch mildere Ausdrücke benutzen wie z. B. »böse« bzw. »anständig«.
Es ist diese Methode, den menschlichen Charakter zu beurteilen, die uns schließlich dazu verhilft, das, was in Le Chambon geschehen ist, so zu verstehen, wie es der Wirklichkeit seiner Geschichte entspricht. In diesem Dorf war der Charakter jedes einzelnen von größter Bedeutung. Und die meisten Einzelpersonen haben sich dem Schutz des Lebens und nicht seiner Zerstörung gewidmet. Mehr als einzelne denn als Glieder einer Gemeinschaft erkennen wir die meisten von ihnen als beispielhaft im Sinne der »Ethik von Leben und Tod«. Von ihrem Konflikt mit denen, die Menschenleben gefährdeten oder vernichteten, handelt die Geschichte von Le Chambon.

Was mich mehr als dreißig Jahre nach der Befreiung in dieses vereiste Dorf hoch in den Bergen Südfrankreichs geführt hatte, war das dringende Bedürfnis, zu verstehen, was diese beiden Arten von Menschen miteinander und mit ihrer Zeit verband. Ich brauchte dieses Verstehen, um mich - und vielleicht auch andere aus dem Zwang der Verzweiflung zu lösen.
Als Theis und ich die Pension der beiden Marions verließen, gingen wir zunächst jeder für sich durch den eisigen Schneesturm. Zwei- oder dreimal stolperte Theis und wäre beinahe gefallen, und auch ich, der viel Jüngere, rutschte ein- oder zweimal aus. Aber als er die Hand ausstreckte und seinen rechten Arm um meinen linken schlang, entstand plötzlich aus der Wärme seines dünnen Körpers und der Festigkeit unserer verschränkten Arme ein neues Lebewesen, das sich auf vier starken Beinen fortbewegen konnte. Jetzt waren wir standfest, obwohl die Straße immer noch vereist war und obwohl die Besenginster immer noch mit ihren langen, immergrünen Fingern herumwirbelten. Die Welt war zwar immer noch kalt, verwirrend und gefährlich, aber wir waren dicht beisammen, als Teile eines neuen Ganzen, und wir fühlten uns auf einmal sicher.
Tags zuvor waren wir bei der Familie Chazot gewesen, die während der Besatzungszeit vier Jahrelang eine jüdische Familie in ihrem Haus verborgen gehalten hatte, obwohl es an der Straße lag, auf der häufig deutsche und Vichy-Truppen durchzogen. Im Verlaufe unseres Gesprächs hatte Theis plötzlich gesagt: »Oh! Que c'est difficile d'ttre seul!« Damals sprach aus diesem Satz '»Ach, wie schwer ist es, allein zu sein!« nur die Traurigkeit des Verlassenen: Mildred Theis war tot. Aber jetzt habe ich lange über diesen gemeinsamen Gang nachgedacht und habe die Geschichte von Le Chambon kennengelernt. Jetzt bedeutet dieser Satz: »Oh, aber es ist eine Freude, beisammen 'zu sein, nun bin ich wieder froh!«
Le Chambon-sur-Lignon Haute-Loire Frankreich

1 J. Glatsj'ein, 1. Knox, S. Margoshes (Ed.), Anthology of Holocaust Literature, New York 1973, S. 375-381.

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