Religiosität oder Christentum

Religiosität oder Christentum
Religiosität oder Christentum
Das Verhältnis des Christentums zu den anderen Religionen hat von Anfang an bis auf den heutigen Tag das Denken beschäftigt. Die Apologeten  fingen damit an. Im Mittelalter wurde es von der Scholastik  fortgesetzt, die ständig um dieses Problem kreiste. Aber infolge ihrer unevangelischen Auffassung der Sünde und Gnade, dem Kern des Christentums, führte es zu einer Vermengung größten Umfanges von Christentum und Heidentum. 
Luther schuf auch hier klare Linien durch seine biblische Auffassung der Sünde des Menschen und Gottes rechtfertigender, neuschaffender Gnade. Sowohl in seiner Theologie wie in seiner Verkündigung weist er ständig auf den Wesensunterschied hin zwischen der selbstgewählten, anstrengenden Religiosität einerseits und dem freien, glücklichen Gottesverhältnis des Wiedergeborenen andererseits. Die späteren lutherischen Theologen haben dann mit dieser
reformatorischen Grundanschauung weitergearbeitet. Sie suchten sie mit dem Gedanken von einer doppelten Offenbarung zu untermauern, der natürlichen Offenbarung, auf der alle heidnische Religiosität beruht, und der übernatürlichen, auf der das Christentum beruht. Aber auch auf protestantischer Seite finden wir eine Bewegung, die zielbewußt die Grenzen zwischen Christentum und Heidentum verwischt und eine Religionsvermischung
im großen Stile durchführt.

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Die bereits erwähnten Sozinianer (s. S. 85) und andere Sektenbildungen setzten dann verhältnismäßig still und unbemerkt ihre theoretische und praktische Religionsvermengung längere Zeit fort. Im Anfang des 18. Jahrhunderts sind ihre Ideen inzwischen so gewachsen und gereift, daß sie sich, praktisch gesprochen, auf alle protestantischen Kirchen ausbreiten. In der Kirchengeschichte läuft diese Bewegung unter dem Namen des Rationalismus. Und der Name ist bezeichnend genug, wenn er auch nicht verrät, daß der Rationalismus das protestantische Gegenstück zu der Religionsvermengung des
Katholizismus ist. Wohl wurden energische Versuche unternommen, diese moderne Religionsvermengung einzudämmen, und besonders
nach den großen Erweckungen im Anfang des 19. Jahrhunderts gelang dies auch ganz gut in den meisten protestantischen Kirchen. Aber seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis auf unsere Tage hat die Religionsvermengung schlimmer geblüht als je.
Der neueste Wissenschaftszweig, die Religionsforschung, gab der Bewegung kräftigen Auftrieb. Sowohl die Religionsgeschichte wie die Religionspsychologie und die Religionsphilosophie haben, von dem üblichen Analogieprinzip der Wissenschaft ausgehend, das Christentum auf die gleiche
Stufe mit der übrigen Religiosität in allen entscheidenden Punkten herabnivelliert. Wohl besteht Uneinigkeit unter diesen Forschern in vielen Einzelheiten, aber in einem Punkt sind sie wunderbar eins: Einen Wesensunterschied zwischen dem Christentum und den übrigen Religionen erkennen sie nicht an.
Wohl ziehen die meisten von ihnen das Christentum den anderen Religionen vor. Aber es geschieht nicht, weil das Christentum die einzige Religion ist, durch die der Mensch erlöst werden kann. Nein, jeder wird durch seinen Glauben selig.
Aber sie glauben trotzdem, daß das Christentum die Religion ist, die dem Menschen die beste Stütze und den größten Reichtum bietet.
In der späteren Zeit ist diese Religionsvermengung durch die merkwürdige religiöse Unruhe gefördert worden, die jetzt durch die ganze kultivierte Welt geht. Der moderne Mensch ist realistisch genug, um einzusehen, daß die Religion ein organischer und daher unentbehrlicher Teil des menschlichen
Geisteslebens ist. Ohne sie fühlt man sich leer und müde wie ein Mensch, der längere Zeit notwendige Nahrungsmittel entbehren mußte.
Der moderne Mensch will Religion haben. Und was der moderne Mensch haben will, das wird ihm sofort serviert. Die Zeitungen schreiben sofort über Religion. Nicht nur in ihren Sonntagsbetrachtungen. Das ist fast die langweiligste Form der Religion. Sie stellen die Religion zur Debatte. Und
da die Zeitungen es als ihre besondere Aufgabe betrachten, das Neueste zu bringen, so werden sie sich natürlich am meisten
für die letzten und neuesten Religionen interessieren. Jede Erfindung und Verbesserung, auch auf religiösem Gebiet,
bekommt einen guten Platz und fette Überschriften. Auch die Schriftsteller schreiben für den modernen Menschen über Religion. Gibt es wohl heute ein einziges Werk der schönen Literatur, das nicht auch etwas Religion bringt? 
Auf allen anderen Gebieten des Lebens verlangt man eine gewisse Sachkenntnis, aber auf religiösem Gebiet nicht. Da
fühlen sich alle als Sachverständige. Und so schreibt man, wie der moderne Mensch es machen muß, wenn er religiös sein
will. Und da das Christentum an der religiösen Börse am höchsten im Kurs steht, nennt man ohne weiteres die Religion,
die man doziert, Christentum.
Das ist die Tragödie in der religiösen Unruhe unserer Zeit, daß der moderne Mensch über das wirkliche Christentum so unwissend ist, daß er sich jede beliebige Nachahmung und Verfälschung aufschwatzen läßt. Was er in der Schule gelernt hat, hat er vergessen. Und die Bibel liest er nicht. Kommt dann die religiöse Unruhe über ihn, ist er eine verhältnismäßig leichte und sichere Beute für den einen oder anderen von diesen modernen Religionsvermengern.
Was sagt das Christentum selbst über sein Verhältnis zu den anderen Religionen?
Wir wenden uns an die Bibel. Hier sehen wir schon im Alten Testament, daß Religionsvermengung die große und ständige Versuchung für das auserwählte Volk war. Darum lautete auch Gottes erstes Gebot: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir« (2. Mo. 20,3). 
Klarer kann das Verhältnis zwischen der Religion Israels und den heidnischen Religionen nicht ausgesprochen werden. Es war eine Sünde für die Israeliten, an heidnischer Gottesverehrung teilzunehmen. Es war ihre schwerste Sünde, das bezeugen das Gesetz und die Propheten.
Wenn wir uns nun zum Neuen Testament wenden, dann sehen wir, daß die Religionsvermengung auch für die ersten
Christen eine Versuchung war. So war es in Korinth. Einzelne meinten, sie dürften an dem gesellschaftlichen Beisammensein,
das sich an die heidnische Opfermahlzeit anschloß, mit ihren heidnischen Verwandten teilnehmen. Sie hielten es für ungefährlich, da sie ja nicht am Opfer selbst teilnahmen.
Außerdem hatten sie mit ihrer klaren christlichen Erkenntnis eingesehen, daß ein Götze kein Gott ist. Daher war in ihren Augen eine Opfermahlzeit nichts anderes als eine gewöhnliche Mahlzeit.
Bei dieser Gelegenheit schreibt der Apostel in 1. Korinther 10 seine Wegweisung und Ermahnung nieder. Es sei richtig, sagt er, es gäbe keine Abgötter. Denn es gäbe nur einen Gott. Aber, sagt er weiter, das dürfe nicht so aufgefaßt werden, daß die Gottesverehrung der Heiden damit eine Verehrung
des einen wahren Gottes sei: »Nein, sondern daß das, was sie opfern, sie den Dämonen opfern und nicht Gott. Ich will aber nicht, daß ihr Gemeinschaft habt mit den Dämonen« (1. Kor. 10,20). Und er sagt geradezu, daß sie bei ihren Opfern in die Gemeinschaft mit den Teufeln kommen und teilhaben
an der DämonenTisch (1. Kor. 10,21).
Darum lautet auch seine Ermahnung: »Werdet auch nicht Götzendiener« (Kap. 10,7), »flieht den Götzendienst!« (Kap. 10,14; vgl. 2. Kor. 6,14-18). Und im Galaterbrief setzt der Apostel Götzenverehrung Unzucht und Mord gleich (Gal. 5,20). Dieses Urteil über die heidnische Religion hindert indessen
den Apostel nicht, die Absicht und den Plan zu sehen, den Gott mit den Heiden hatte. Die Absicht war, daß sie den Herrn suchen sollten, sagt er in Apostelgeschichte 17,27. Weiter sagt er, daß Gott sich selbst ihnen nicht unbezeugt gelassen hat, sondern er hat sowohl in der Geschichte wie in der erschaffenen Natur, im Gottesbewußtsein und im Gewissen seine Existenz, sein Wesen und sein Recht über die Menschen enthüllt
(Apg. 14,17; 17,26; Röm. 1,19-20.28; 2,14-15).
Hiermit spricht der Apostel aus, daß in Übereinstimmung mit Gottes Schöpferordnung und dem Wesen des Menschen die Heiden religiös sind und Gottesdienst verrichten. Aber das ändert nichts an seinem Urteil über die tatsächliche Religiosität und Gottesverehrung der Heiden. Sie ist Sünde und
bringt sie in Verbindung mit den Dämonen und nicht mit Gott. Und in Römer 1,18-32 weist er nach, warum die heidnischen
Religionen so geworden sind. Die Heiden haben gerade auf religiösem und moralischem Gebiet Aufruhr gegen Gott
erhoben: »Sie haben die Wahrheit Gottes in die Lüge verwandelt  und dem Geschöpf Verehrung und Dienst dargebracht
statt dem Schöpfer« (Röm. 1,25).
Hiernach wundert es uns nicht, wenn der Apostel bei einer anderen Gelegenheit ausspricht, daß die Heiden ohne Gott sind (Eph. 2,12). Sie haben also Religion, sind aber gleichwohl ohne Gott. So also schreibt die Schrift über die Religiosität der Heiden: Sie begegnen in ihrer Religiosität Gott nicht.
Aber das scheint unserem Denken große Schwierigkeiten zu bereiten. Wer nur das Mindeste von der bunten Geschichte der Religionen kennt, weiß, daß die Heiden innerhalb aller Religionen viele merkwürdige Dinge erleben. Natürlich gibtes Heiden, die nichts erleben und nichts erleben wollen. Sie
folgen nur dem Strom und machen es wie die anderen. Aber gleichzeitig gibt es viele Heiden, die merkwürdige Dinge erleben. Sie erleben Zweifel und Gewißheit, Trauer und Freude in Gott, Reue und Vergebung, Angst und selige Ruhe. Ja, die heidnischen Mystiker schildern uns die innerliche
Vereinigung ihrer Seele mit Gott in Worten, die eine überraschende Gleichheit mit christlichen haben. Wie sollen wir uns das erklären?

Die Religionen – Lüge oder Selbstbetrug?
Sind die Erlebnisse der Heiden nur Lüge und Betrug? Natürlich treffen wir auch Heiden, die Betrüger sind. Aber gleichzeitig treffen wir solche, deren Persönlichkeit und Leben bezeugen, daß sie an das, was sie sagen, glauben. Wie steht es nun mit diesen? Sind sie das Opfer eines
Selbstbetruges? Ist das, was sie erleben, nur Einbildung und Illusion? Der, der das behaupten wollte, kennt nicht die merkwürdige
Geschichte der Religionen. Das Leben und Wirken dieser ernsten und ehrlichen Heiden bezeugt uns, daß sie nicht in einer Welt der Einbildungen und Illusionen leben. Aber wie können wir das in Übereinstimmung bringen mit dem Wort der Bibel, daß die Heiden trotz ihrer Religion ohne Gott leben
und Gott nicht in ihrer Religion begegnen? 
Die Lösung dieser schwierigen Frage finde ich erst, wenn ich an das reiche und mannigfaltige Ideenleben der menschlichen Seele denke.
Wir haben die logischen Ideen. Sie beziehen sich auf Form und Inhalt des Denkens. Was ist die Philosophie anderes als die Entfaltung des logischen Ideeninhalts der menschlichen Seele! Und welches reiche Leben lebt nicht ein wirklicher Philosoph zwischen diesen Ideen.
Wir haben die ästhetischen Ideen. Was ist die Kunst anderes als die Entfaltung der der menschlichen Seele innewohnenden Ideen über das Schöne in Farben, Linien, Rhythmen und Tönen. Welches reiche Leben lebt nicht der Künstler zwischen diesen Geschöpfen seiner Künstlerseele!
Wir haben die moralischen Ideen. Was sind die verschiedenen Moralsysteme anderes als Versuche, den moralischen Ideeninhalt der menschlichen Seele zu entfalten! Endlich haben wir die religiösen Ideen. Und die Religionen sind nichts anderes als die Entfaltung des reichen religiösen
Ideenlebens der Seele. Was die Menschen auf allen diesen Gebieten erleben, ist weder Betrug noch Selbstbetrug, sondern objektive Wirklichkeit,
die von größter Bedeutung für das menschliche Leben ist, sowohl für das individuelle wie für das soziale.
Aber halten wir uns an die Wirklichkeit! Auf allen diesen Gebieten erlebt der Mensch nichts anderes und nicht mehr als seine eigenen Ideen. Das will also besagen, daß der Mensch auf religiösem Gebiet nichts anderes erlebt als seine eigene Gottesidee, sein eigenes Gottesbewußtsein. Und das war es
gerade, was der Apostel aussprach: Die Heiden erleben Religion, aber nicht Gott. Sie sind ohne Gott, trotz ihrer Religion.
Sie begegnen nicht Gott, haben aber ihre eigenen religiösen Ideen, Sehnsüchte, Gefühle und Gedanken. Und wenn die Heiden sich reich und glücklich oder arm und unglücklich in dieser ihrer Religion fühlen können, erscheint das jetzt in neuem Licht.
Wie der Philosoph sich arm fühlt, wenn er nicht seinen logischen Ideeninhalt entfalten darf, aber reich und glücklich, wenn er es darf und sein Leben zwischen seinen Gedankenschöpfungen leben kann. Oder wie der Musiker die fürchterlichsten Qualen leiden kann, wenn der Schöpferdrang ihn
preßt, ohne daß es ihm gelingt, das Motiv in die richtigen Töne umzusetzen, und umgekehrt der glücklichste Mensch ist,
wenn er in der Welt der Töne, die er selbst geschaffen hat, leben darf. So wird auch der Heide unter Angst und Selbstvorwürfen leiden, wenn sein religiöses Ideenleben ihn drängt, ohne daß er es in sein Leben umsetzen kann, und umgekehrt eine wunderbare Ruhe und Selbstzufriedenheit empfinden,
wenn er es vermocht hat, der religiösen Idee Ausdruck in seinem Leben zu verleihen, in seinem Fühlen und Denken,
seinem Reden und Handeln.
Der Heide kommt also mit seiner Religion nicht über sich selbst hinaus. Das ist es, was die Bibel sagen will, wenn sie erklärt, daß der Heide ohne Gott ist trotz seiner Religion. Er erlebt etwas. Ja, er kann eine reiche Fülle erleben, die Fülle seines eigenen religiösen Bewußtseins. Und wie reich
das menschliche Gottesbewußtsein ist, berichtet die Geschichte der Religionen. Hier sind sie aufgeführt, Seite um
Seite, alle die merkwürdigen Schöpfungen, die die menschliche Seele durch Jahrtausende aus ihrem religiösen Ideenleben
hervorgezaubert hat. Wenn nun die Bibel alle diese Religiosität als Sünde bezeichnet, so will sie damit nicht sagen, daß die Heiden aufhö-
ren sollen, Gottesdienst zu verrichten oder religiös zu sein. Nein, sie will damit sagen, daß die menschliche Sünde das
ganze Leben und damit auch die Religion umfaßt. Die Bibel weist darauf hin, daß die Sünde das persönliche Leben des Menschen durchsäuert hat, aber daß der Mensch deswegen nicht Selbstmord begehen soll. Die Sünde hat auch das Familienleben des Menschen durchsäuert, aber deshalb
soll er nicht aufhören, eine Familie zu gründen. Die Sünde hat das religiöse Leben des Menschen durchsäuert, aber deshalb soll er nicht aufhören, religiös zu sein und Religion zu üben. Nein, mit all diesem will die Schrift nur sagen, daß der Mensch durch und durch sündig ist und daß er erlöst werden
muß, wenn er von seiner persönlichen Sünde, seiner Sünde in der Familie, in der Gemeinschaft und in der Religion loskommen will.

Religiosität – Hindernis für die Erlösung
Das ist die große Gefahr bei der Religion, daß der sündige Mensch so leicht seine Religiosität nicht als etwas ansieht, von dem er erlöst werden muß, sondern im Gegenteil gerade als etwas, was ihn von seinen übrigen Sünden erlösen soll. Nirgends hat das Menschengeschlecht ärger gegen Gott gesündigt als gerade in seiner Religiosität. Dabei denke ich nicht an die besonders schrecklichen Sünden, die begangen wurden zur Ehre Gottes, wie Menschenopfer, religiöse Unzucht oder ähnliches. Nein, ich meine damit die Stellung zu Gott, die in der Religiosität ihren Ausdruck findet. Sonst vergreift
sich der sündige Mensch an sich selbst oder an anderen Geschöpfen. Aber in seiner Religion vergreift er sich unmittelbar an Gott, raubt ihm seine Ehre und entwürdigt ihn so, wie es außerhalb der Religion nicht möglich ist. Die Religiosität ist tatsächlich das schwerste Hindernis für
die Erlösung eines Menschen. Das sagt uns die Geschichte. Zuerst sehen wir es zu Jesu Zeiten. Den schwersten Widerstand fand er bei den Religiösen, den Pharisäern und den Schriftgelehrten, und wir sehen, daß sie gerade ihre Religion gebrauchten, um ihm entgegenzutreten. Sie gebrauchten sie
sowohl zur Verteidigung als auch zum Angriff. Zuerst gebrauchten sie sie, um sich gegen Jesu stillen,
mächtigen Einfluß zu verteidigen. Sie wollten sich nicht von ihrer Sünde überzeugen lassen, weder durch seine gewaltige Rede noch durch seine Person, weder durch seine unwiderlegbaren Wunder noch durch sein sündenfreies Leben. Daher wehrten sie sich gegen ihn durch pünktliche Erfüllung des
Gesetzes, lange Gebete, Fasten und reiche Almosen. Aber sie gebrauchten die Religion auch, um Jesus anzugreifen. Dem leichtgläubigen und leichtbeweglichen Volk gegenüber argumentierten sie einfach so: Wir wünschen natürlich nicht, diesem einfältigen Schwärmer zu schaden. Aber
wir können auch nicht ruhig mitansehen, daß er Gottes auserwähltes Volk verführt, indem er Gottes heilige Gesetze
bricht. Er setzt sich ja über das Gesetz und den Tempel hinweg, ja er macht sich sogar selbst zum Gott. Deswegen muß
er um der Religion willen ausgerottet werden, damit nicht das ganze Volk wegen seines Abfalls verdammt wird. In der ganzen Geschichte der Mission sehen wir dasselbe. Die größte Schwierigkeit, die das Evangelium auf allen Missionsfeldern zu überwinden hat, ist gerade die heidnische Religiosität.
Mit ihr wehrt man sich, wenn das Evangelium beginnt, einen von seiner Sünde zu überzeugen. Die persönliche
Religiosität ist immer die letzte und schwierigste Schranke, die das Evangelium auf den Missionsfeldern zu überwinden hat.

So ist es übrigens auch in christlichen Ländern. Hier leben viele gute Leute praktisch, wenn auch nicht theoretisch, ohne Religion. Sie fühlen sich Gott gegenüber so sicher, daß sie sich nicht einmal die Mühe machen, sich eine Religion als Deckung gegen Gott zu schaffen.
Aber der Ewigkeitsdrang und die Gottesidee sind gewaltige Kräfte, die sich wohl eine Zeitlang unterdrücken lassen, die aber eines Tages losbrechen. Die religiöse Unruhe meldet sich. Dann beginnt der Mensch sich nach einer Religion umzusehen.
In christlichen Ländern hat dieser Mensch zwei Möglichkeiten. Entweder Christ zu werden, d. h. Gott in Christus zu begegnen. Aber das bedeutet für sein eigensüchtiges und eigenwilliges Leben den Tod. Oder religiös zu werden, d. h. sich seiner eigenen Gottesidee hinzugeben, die, weit entfernt, das alte Eigenleben zu töten, im Gegenteil diesem Eigenleben seine religiöse Anerkennung gibt. Die Wahl hier ist in christlichen Ländern nicht so leicht, weil man sich hier im allgemeinen darüber einig ist, daß das Christentum die einzig wirkliche Religion ist. Religion will man haben und am liebsten
das Christentum, aber ein Christentum, das das alte Eigenleben nicht geniert. Hier kommt die Religionsvermengung dem modernen religiösen
Menschen zu Hilfe. Man bietet ihm eine ganze Reihe Religionsformen, die sich als Christentum ausgeben. Um nur einige von den bekanntesten zu nennen: Theosophie, Anthroposophie, Spiritismus, Christliche Wissenschaft und Russellianismus (»Zeugen Jehovas«).

Ich will nicht weiter auf sie eingehen. Teils sind sie so handgreiflich verschieden vom wirklichen Christentum, daß jeder, der sich die Mühe macht, es zu untersuchen, dies sehen muß. Teils sind sie schon so klar und ausführlich dargestellt, daß ich nichts hinzuzufügen habe. Statt dessen möchte ich einige
moderne Formen der Religiosität behandeln, die um so leichter mit wirklichem Christentum verwechselt werden, weil ihre
Lehre nicht vom Christentum abweicht und weil sie sogar wünschen, sich dem christlichen Glauben und der christlichen Lehre möglichst anzupassen.

Die intellektualistische Religiosität
Sie findet sich häufig bei den besten Menschen. Es sind gute, gesunde, ausgeglichene Menschen. In der Regel stammen sie auch aus einer guten christlichen Familie. Takt und guten Ton haben sie in der Wiege mitbekommen. Die Religion ist ihnen ebenso unentbehrlich wie die übrigen Seiten des menschlichen Geisteslebens. Sie beten morgens und abends. Sie fühlen sich am Sonntag nicht wohl, wenn sie nicht in die Kirche gehen. Auch zum Abendmahl gehen
sie regelmäßig, und sie beteiligen sich auch an christlicher Arbeit. Nicht überschwenglich; jedoch an dem, was sie übernommen haben, sind sie treu und ausdauernd.
Ihre Religiosität ist etwas trocken und nüchtern. Sie scheuen Übertreibungen, und religiöse Schwärmerei widerstrebt ihnen. Die Religion hat bei ihnen ihren eigentlichen Sitz in ihrem praktischen Verstand. Sie ist ihnen geradezu eine Gedankennotwendigkeit und rundet ihr ganzes Lebensbild und
ihre Weltanschauung ab. Sie gibt ihrem kurzen Menschenleben die ewige Perspektive und ihrem täglichen Leben die
Richtlinien. Es sind kluge, klare, praktische Leute. Auch ihre Religiosität ist klug und praktisch, einfach und gradlinig. Sie haben zwar nicht viel Religiosität, aber was sie haben, wenden sie klug und vernünftig an. Sie können gut und treffend über Religion sprechen und glauben von sich selbst, daß sie Christen
sind. Im Innersten glauben sie auch, daß sie die rechten Christen sind, die mit Gottes Gnade allen Gefahren des Pietismus und der Schwärmerei entgangen sind. Wie fremd sie aber wirklichem Christentum gegenüberstehen, zeigt sich am deutlichsten, wenn sie einmal in persönliche Verbindung mit wirklichen Christen kommen, d. h. Christen, für die Christus das Leben ist. Sie verstehen weder deren Leben noch ihre Rede. Das Leben eines solchen Christen
erscheint ihnen voller Übertreibungen und Widersprüche und borniert.
Seine Rede ist ihnen ebenso unbegreiflich, ob er nun von seinen Freuden spricht oder von seiner Angst oder Not, an Gottes Gnade zu glauben. Als ob etwas einfacher wäre als an Gott zu glauben! Oder er spricht vom Kreuz und von der Gnade, und das ist noch das Unverständlichste. Ja, wenn er
chinesisch mit ihm spräche, wäre es nicht unbegreiflicher! In irgendeine Kategorie muß er eingeordnet werden – also
dann entweder unter die Pietisten oder die Schwärmer oder die Hysteriker. Das sind übrigens für viele identische Begriffe.
Die ästhetische Religiosität Man findet sie häufig bei Leuten mit dem glücklich-reichen Seelenleben. Ihre Seele ist von Geburt an auf das Unaussprechliche
im Dasein eingestellt. Ihre fein abgestimmte Seele nimmt überall Farben, Formen, Rhythmen und Töne auf, auch da, wo wir gewöhnlichen Sterblichen nichts sehen und hören.
Am stärksten fühlt sich ihre Seele ergriffen, wenn die religiösen Saiten berührt werden. Erst in der religiösen Welt fühlen sie sich wirklich heimisch. Hier fühlen sie sich über das Häßliche und Niedrige emporgehoben in das Reich des Reinen und Schönen, am liebsten bei religiösem Gesang und bei
Musik im Halbdunkel alter Kirchengewölbe. Oder draußen in Gottes freier Natur. Die große Naturstimmung bedeutet ihnen mehr als die schönste Predigt in einer Kirche. Das sind ihre eigenen Worte, und wir haben keinen Grund, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln. Ihr Leben bewegt sich in starken Schwingungen wie bei allen Gefühlsmenschen. Auch ihre Religiosität ist davon geprägt. Sie kann von den höchsten Gipfeln religiöser Verzükkung
bis zu den tiefsten Tälern religiöser Gleichgültigkeit schwingen. Daher findet sich in ihrem religiösen Leben wenig oder gar keine Ordnung. Das Regelgebundene liegt ihnen überhaupt nicht. Das Gebet z.B. kann bei ihnen in großen Augenblicken aufflammen und kann dann wieder lange Zeit
ganz verstummen.
Was sie in ihren großen Stunden erleben, ist für sie der beste Beweis, daß ihre Religion in Ordnung ist trotz mancher Versäumnisse und Versündigungen. Sie begegnen ja Gott und erleben Unaussprechliches. Ja, diese Leute sind wahrhaft religiös und glauben von sich selbst, daß sie Christen sind. Daher
werden sie auch so verbittert, wenn ihnen jemand sagt, daß ihre Religion mit Christentum nichts zu tun hat.
Und ihre Verbitterung verwandelt sich in stumme Verwunderung, wenn sie hören, daß Buddhisten und andere Pantheisten genau die gleiche religiöse Mystik erleben, obwohl sie nicht an Christus glauben, ja nicht einmal an einen persönlichen Gott.
Und ein wenig gesunde Vernunft müßte ihnen ja sagen, daß Christus überflüssig ist, wenn man Gott in der Natur erleben kann. Dann ist die ganze Heilsoffenbarung mit Gottes Menschwerdung, Leiden, Tod und Auferstehung ein vollständiger Mißgriff. Das ist auch die wahre Meinung der religiösen Mystiker. Einen Platz für Christus und überhaupt für Gottes geschichtliche Offenbarung zu finden, dürfte ihnen schwer fallen. Noch schwerer für das Kreuz und die Erlösung. Das alles sind gewissermaßen überzählige Bestandteile in ihrer allgemeinreligiösen Mystik.

Die moralische Religiosität
Hier treffen wir die Willensmenschen! Sie sagen: Es genügt nicht, Gott in einer vagen Stimmung oder in kurzem Gebet ein paar Mal am Tage zu begegnen. Worauf es ankommt, ist, Gottes Willen zu tun, wie Jesus selbst sagte: »Denn wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein
Bruder und meine Schwester und meine Mutter« (Mt. 12,50). Es sind starke, aufrechte Idealisten, charakterfest und streng gegen sich selbst und andere. Sie bemühen sich, in ihrem täglichen Leben die moralischen Forderungen des Christentums zu erfüllen, und kämpfen energisch dafür, sie auch
im Leben der Gemeinschaft durchzusetzen.
Es ist bei diesen religiösen Cholerikern oft etwas Hartes und Eckiges, aber ihre Überzeugungstreue und ihre Unermüdlichkeit verschaffen ihnen Achtung.
Ihre Religiosität äußert sich weniger in Worten als in Taten. Mit Gefühl hat ihre Religion wenig zu tun. Sie glauben von sich, daß sie Christen seien, meinen sogar, daß sie die einzigen wahren Christen seien, die einzigen, die ernst damit machen, das Christentum zu leben. Sie nehmen Anstoß an
dem Sentimentalen und Weichlichen, das sie bei vielen finden, die sich Christen nennen. Aber trotz ihrer vielen guten Seiten sind sie dem wirklichen
Christentum fremd. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn sie etwas von Bekehrung und Wiedergeburt hören. Diese Rede irritiert, ja empört sie. Sie empfinden sie als unmoralisch, weil sie das Verantwortungsgefühl abstumpft und die Willenskraft schwächt. Die Menschen werden dadurch verleitet,
sich einem mystischen Gotteserlebnis hinzugeben, statt angespornt zu werden, das bißchen Willen, das sie haben, zu gebrauchen.

Wir haben gesagt, für den religiösen Menschen ist immer die größte Versuchung, seine Religiosität als das Mittel anzusehen, das ihn von seinem sündigen Leben erlösen kann. Niemand fällt es schwerer, sich dem wahren und wirklichen Christentum zu beugen, als gerade diesem religiösen Menschen.
Ein gottloser Mensch kann an seine Sünden unheimlich gefesselt sein, und das Herz ist ihm für die Wirkungen der Gnade fest verschlossen. Aber er weiß wenigstens, daß er in religiösen Fragen keine Sachkenntnis hat. Darum fällt es ihm viel leichter, sich der Wahrheit des Evangeliums zu beugen, ohne
noch zu feilschen.
Der religiöse Mensch dagegen glaubt auf dem Gebiete der Religion sachverständig zu sein. Daher begegnet er oft der christlichen Verkündigung mit Widerstand. Oft bewußt, indem er sie kritisiert und behauptet, daß das, was verkündigt wird, dem Wesen der Religion und des Christentums widerspricht.
Das ist heutzutage sehr in Mode. Früher war man in dieser Beziehung bescheidener. Das Selbstbewußtsein und die Neigung zur Kritik waren noch nicht
so stark. Trotzdem war der Widerstand gegen das lebendige Christentum genau der gleiche. Auch damals benutzte man die Religiosität, um sich gegen das Christentum zu wehren. Nur ging es mehr in der Stille vor sich, weil man es verstand, die verkündeten christlichen Wahrheiten der eigenen Religiosität
anzupassen. Hörte man von Bekehrung und Sinnesänderung, dankte man Gott, daß man nicht zu diesen rohen, gottlosen Menschen gehörte, die Bekehrung nötig hatten. Hörte man von Wiedergeburt, dankte man Gott, weil man zu den Glücklichen gehörte, die als Kind getauft waren.
War die Rede von Gläubigen und Ungläubigen, Gotteskindern und Weltkindern, tat der Gedanke wohl, sich zusammen
zu wissen mit dem Pfarrer und denen in der Gemeinde, die zur Kirche und zum Abendmahl gingen. Die Ungläubigen, das waren jene schrecklichen Leute, die alles Heilige verachteten und weder an Gott noch an die Bibel glaubten. In diesem religiösen Panzer fühlt sich der Sünder sicher.
Und jetzt, wie zur Zeit Jesu, wird die Religiosität nicht nur zur Verteidigung benutzt, sondern auch zum Angriff. Es ist
eine schmerzliche, aber unwiderlegbare Tatsache, daß das lebendige Christentum keine schärferen Gegner hat als diese religiösen Menschen, die in ihrer religiösen Unruhe sich eine Nachahmung des Christentums geschaffen haben. Sie stehen übrigens nur dem lebendigen Christentum so feindlich gegenüber. Jeder anderen Religiosität gegenüber sind sie dagegen merkwürdig verträglich. Ja, selbst wenn hier Leben  und Lehre nur gering übereinstimmen, bleiben sie nachsichtig. Denn diese Religiosität macht sie nicht unruhig, sondern beruhigt sie sogar. Wenn sie dagegen das lebendige Christentum hart und streng beurteilen, geschieht es, weil sie sich von ihm ständig beunruhigt fühlen. Irgendwie sagt es ihrem Gewissen, daß ihre Religiosität kein Christentum ist, daß sie ebenso wie die religiösen Juden zur Zeit Christi mit ihrer Religiosität verloren gehen.

Vom Wesen des Christentums
Nachdem wir nun gesehen haben, was das Christentum über Religiosität und die Religionen sagt, wollen wir betrachten, was es von sich selbst sagt.
Was zuerst ins Auge fällt, ist folgendes: Das Christentum weiß, daß es ganz allein steht. Es steht so allein, daß wir heutzutage große Schwierigkeiten haben, zu verstehen, was das heißt. Wir vergleichen ja ständig das Christentum mit anderen Religionen. Natürlich stellen wir es nicht mit ihnen auf
die gleiche Stufe, sondern sprechen vom Christentum als der höchsten Religion. Und wenn wir kühn sind, sprechen wir sogar vom Christentum als der absoluten Religion, womit wir das Höchste gesagt haben wollen, was man über das Christentum sagen kann. Soweit ist alles in Ordnung.
Aber je mehr ich mich in den Gedankengang der Schrift versetze, desto klarer wird mir, daß unser Vergleich zwischen dem Christentum und den Religionen der Schrift fremd, ja mit ihr unvereinbar ist. Wenn das, was die Menschheit an religiösen Leistungen hervorgebracht hat, Sünde ist und seine Religionen uns in Verbindung mit den bösen Geistern und nicht mit Gott bringen, dann ist es einleuchtend, daß unser Vergleich zwischen Christentum und Religionen falsch ist, sowohl für das Christentum wie für die Religionen. Auf beide fällt ein falsches Licht. Das Christentum wird auf eine Ebene herabgezogen,
wohin es seinem Wesen nach nicht gehört, und die Religionen werden auf eine Ebene hinaufgehoben, wohin sie wiederum nicht gehören.
Blickt man auf die Geschichte der Theologie, findet man dies bestätigt. Ihr Bemühen, das Christentum zwischen die Religionen zu stellen, zu beweisen, daß es den Höhepunkt darstelle, hat nur dazu geführt, das Christentum zu amputieren und die Religionen zu verzerren.
Die Antwort des Christentums auf die Frage nach seinem Verhältnis zu den Religionen lautet kurz und klar: Die Religionen sind Sünde, das Christentum ist Heil. In den Religionen kommen wir in Verbindung mit den bösen Geistern, im Christentum mit Gott. Christus hat sich über seine Sonderstellung
in folgenden Worten ausgesprochen, die ich nenne, nicht weil sie die einzigen sind, sondern weil sie die klarsten sind: »Alles ist mir übergeben worden von meinem Vater; und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn und der, dem der Sohn ihn
offenbaren will« (Mt. 11,27). »Niemand kommt zum Vater als nur durch mich« (Joh. 14,6). Und der Apostel hat es so ausgedrückt: »Und es ist in keinem anderen das Heil; denn auch kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden müssen« (Apg. 4,12).
Warum steht das Christentum so ganz allein? Warum liegt das Heil nur dort? Hierauf antwortet das Christentum: »Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen« (Joh. 4,22). »Denn als ich umherging und eure Heiligtümer betrachtete, fand ich auch einen Altar, an dem die Aufschrift
war: Einem unbekannten Gott. Was ihr nun, ohne es zu kennen, verehrt, das verkündige ich euch« (Apg. 17,23). Das Christentum erklärt, daß alle Gottesverehrung außerhalb des Christentums Götzendienst ist. Und Götzendienst besteht darin, daß der Mensch das Gottesbild verehrt, das
sein eigenes religiöses Bewußtsein geschaffen hat. Weder kennt er den lebendigen Gott, noch begegnet er ihm in seiner
Religion. Im Christentum beugt sich Gott zu dem Sünder herab. Die Religionen aber sind nichts anderes als die vergeblichen Versuche des Menschen, sich zu Gott emporzustrecken. Aber warum will Gott dem Menschen nur im Christentum begegnen? Mit dieser Frage hat man sich in allen Jahrhunderten
des Christentums beschäftigt. Denn hier liegt ja das mächtigste Ärgernis des Christentums.
Auch hier antwortet das Christentum kurz und klar: Wenn Gott dem Menschen nur in Christus begegnet, so geschieht es, weil er ihm sonst nicht begegnen kann. Zwischen Gott und uns steht unsere Sünde. Die Schrift verkündigt, daß die Sünde so ernst ist – nicht nur für uns, sondern auch für Gott,
daß er mit dem Sünder nicht ohne Sühne leben kann. Deshalb ist es für den sündigen Menschen unmöglich, sich zu Gott emporzuschwingen, selbst wenn seine Religiosität noch so innerlich und aufrichtig ist. Er erlebt nur sich selbst,  d. h. den religiösen Gedankeninhalt seiner eigenen Seele. Sollte
Gott dem Menschen und der Mensch Gott begegnen, dann müßte die Sünde gesühnt werden, und weder will noch kann das irgendein Mensch, sagt das Christentum. Gott selbst müßte es auf sich nehmen, zu sühnen. Und das tat er in Christus. Deswegen ist Christus der einzige Punkt, wo sich Gott
und Mensch begegnen können. Und dies im buchstäblichen Sinne, sagt das Christentum: Christus ist nicht nur für uns der einzige Weg zu Gott, sondern auch für Gott der einzige Weg zu uns. Darum liegt nur in ihm die Erlösung. Darum kann Christus sagen: Niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Erst auf dem Boden der Sühne erleben wir Gott. Bis dahin erleben wir nur unsere eigene Gottesidee.
Und erst wenn wir Gott erleben, werden wir erlöst. Denn die Erlösung liegt in der Begegnung mit Gott. Vom lebendigen
Gott gehen die schöpferischen Wirkungen aus, die imstande sind, unser hartes, selbstgerechtes, eigenwilliges, hochmütiges Herz zu zerschlagen und die Religiosität herauszureißen, mit der wir uns einzeln und zusammen gegen den lebendigen Gott wehren.
Wir haben gesehen, daß Christus allein steht und warum er allein zwischen den Religionen steht. Betrachten wir nun, wie allein er steht.
Alle Religionen stehen zusammen gegen Christus. Sie sind sonst sehr verschieden, widersprechen einander und arbeiten in vielen Punkten gegeneinander. Aber in einem Punkt stehen sie zusammen. Sie sagen zu uns Menschen, jede in ihrer Sprache, alle wie eine: Sie müssen religiös werden! Es ist Ihre
einzige Rettung, aber dann werden Sie auch gerettet werden! Christus steht ganz allein und sagt: Ihr, die ihr böse seid, werdet dadurch nicht gut, daß ihr religiös werdet. Ihr liebt euch selbst über alles und nicht Gott, ob ihr religiös seid oder nicht. Und ihr müßt erlöst werden, nicht durch eure Religiosität,
sondern von eurer Religiosität, genau wie ihr erlöst werden müßt von euren übrigen Sünden. Hier steht Christus ganz allein. Alle Heiden, zu allen Zeiten und in allen Ländern, auch unsere heimlichen Heiden, meinen, die Religiosität sei in sich selbst gut, d. h. Gott wohlgefällig, sofern man es ernst damit
meint. Daher sprechen alle Heiden davon, entweder Gott zu dienen, Gott zu verehren oder Gott zu opfern. Christus steht auch hier allein. Er spricht davon, Gott zu lieben. Und er erkennt kein anderes Verhältnis zu Gott an als das: Du sollst Gott über alles lieben. Und sein größter Apostel
sagt: »Und wenn ich alle meine Habe zur Speisung der Armen austeile und wenn ich meinen Leib hingebe, damit ich Ruhm gewinne, aber keine Liebe habe, so nützt es mir nichts« (1. Kor. 13,3).
Hier ist der Punkt am Christentum, der dem religiösen Menschen in erster Linie ärgerlich ist. Und solange er meint, das Heil bestehe darin, religiös zu sein, wird er ruhig die dringende und zur Selbstprüfung zwingende Frage des Evangeliums: Liebst du Gott? abweisen. Aber von dem Augenblick an, wo die Erweckung wie ein Blitz in die wohlgeordnete Religiosität dieses Menschen einschlägt, wird diese Frage seine ganze Religion revolutionieren.
Wie der schwarze Tod wird es durch all seine Gottesfurcht gehen. Er liest täglich in der Bibel. Früher beruhigte ihn das. Aber
nun kommt die peinliche Frage: Liebst du Gott? Du hast ja  keine Lust, in der Bibel zu lesen, sondern bist froh, wenn du damit fertig bist. Zur Zeitung greifst du täglich mit Lust und Interesse, aber du mußt dich zwingen, täglich die Bibel zu lesen.
Er hört Gottes Wort, sogar regelmäßig. Früher fühlte er sich gerade bei seinem Kirchgang wohl. Aber jetzt kommen peinliche Fragen: Liebst du Gott wirklich, der du in der Kirche sitzt, dich langweilst und findest, es will gar kein Ende nehmen, und erleichtert aufatmest, wenn der Pfarrer endlich
Amen sagt, daß du hinaus kannst ins Freie? Er betet zu Gott, sogar täglich. Früher gab ihm das ein
Gefühl von Sicherheit. Aber nun drängt sich die peinliche Frage auch in sein Gebetsleben: Liebst du Gott wirklich, der du dich zwingen mußt, ein paar Minuten täglich zu beten? Liebst du Gott wirklich, der du nicht einmal vermagst, zwei Minuten lang deine Gedanken zu Gott zu sammeln, sondern sie ständig abschweifen läßt zu anderem, das dich interessiert?
Er kämpft gegen seine Sünden, sogar täglich. Das beruhigte früher sein Gewissen. Jetzt aber quält ihn ständig die Frage: Liebst du Gott wirklich, der du solche Lust zur Sünde hast, obgleich du sie äußerlich bekämpfst?
Die Schrift bezeichnet die Bekehrung des religiösen Menschen als eine Bekehrung von toten Werken. Und nun sieht ein solcher religiöser Mensch, daß seine Religiosität aus nichts besteht als aus toten Werken, d. h. Handlungen, die nicht aus seinem eigenen Inneren entspringen, sondern die er teils aus Gewohnheit, teils aus Zwang tut. Und er sagt sich selbst: Gott sieht ja auf die Gesinnung.

Dann aber sind alle meine Übungen in Gottesfürchtigkeit nichts anderes als leere Formen, mit denen das Herz nichts zu tun hat. Und wenn Gott die sündige Gesinnung sieht, die mich sogar in der Kirche und bei der Andacht erfüllt, dann muß es ihm ein Greuel sein. So spricht es auch die Schrift klar aus (Amos 5,21; Jes. 1,13-15). Siehe, jetzt ist das Herz dieses Menschen zerschlagen. Ihm ist nichts mehr geblieben, auch nicht seine Religiosität, auf die er früher alle seine Hoffnung gesetzt hatte. Jetzt sieht er, daß er auch von seiner Religiosität wie von allen seinen anderen Sünden erlöst werden muß.
Durch das Wunder der Erweckung ist er jetzt endlich reif, ein Christ zu werden. Nun zweifelt er nicht mehr an der Notwendigkeit
der Bekehrung. Nichts ist jetzt wichtiger für ihn, als einen anderen Sinn zu bekommen. Und nun hat er seine eigenen Kräfte geprüft und weiß daher, daß er selbst seinen Sinn nicht ändern kann. Nun wartet er auf Gottes Wunder der Wiedergeburt. Nun braucht er das Kreuz, das in seiner früheren Religiosität überflüssig und ihm nur im Wege war. Nun klammert er sich daran wie ein Ertrinkender. Zwar versteht er das Kreuz nicht und kann auch nicht richtig daran
glauben. Es erscheint ihm allzu groß, als daß es auch für ihn gelten könnte.
Aber in seiner Verzweiflung wendet er sich nun an Gott und sagt ihm ehrlich diese fürchterliche Wahrheit. Da geschieht das Wunder: Aus dem Schmutz nimmt ihn Gott empor und wäscht ihn in seinem eigenen Blute rein. Und dann schlägt Gott – so beschreibt es die Bibel – die himmlischen Bücher auf und streicht alle seine Sünden, die dort verzeichnet sind, und wirft das Ganze hinter seinen Rücken in das Meer der Vergessenheit. Darauf schlägt er das Buch des
Lebens auf und trägt seinen Namen ein zu den Namen all der anderen Gotteskinder. Zu ihm aber sagt er: Nun bist du mein
Kind. Und du brauchst dich nicht mehr zu fürchten. Früher hattest du Grund dazu, aber jetzt brauchst du nicht mehr ängstlich zu sein. Ich bin für deine Sünde gestorben, und ich lebe, um dir zu helfen im Leben, im Tode und im Gericht. Der Sünder kann es nicht gleich fassen. Aber langsam fällt
Licht in das Dunkel seiner Seele. Nun weiß er es: Jesus ist für seine Sünden gestorben. Nun ist er Gottes Kind. Das Neue ist eingetreten: Er liebt Gott.
Das war es, was ihm bisher fehlte. Da fürchtete er sich, wenn Gott nahe war, und es war ihm gleichgültig, wenn Gott fern war. Aber nun liebt er Gott, und das Gebet bedeutet für ihn keinen Zwang mehr. Er ist von Gott geboren, um bei Gott zu sein. Daher fühlt er sich nun in Gottes Nähe wohl.
Ja, das Gotteserlebnis ist das Geheimnis des Christentums. 
Solange man Gott nur denkt und sich nach ihm sehnt, ist das Gottesverhältnis nur eine Reihe von schweren Pflichten. Aber von dem Augenblick an, wo man Gott erlebt, wird es anders. Paulus hat es so ausgedrückt: »Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen,
siehe, Neues ist geworden« (2. Kor. 5,17). Gott ist so, daß wir ihn nur zu erleben brauchen; dann erfaßt er uns und bindet uns an sich. Wir sind jetzt von ihm
erfüllt und nicht mehr von uns. Wenn seine Liebe zu uns etwas ist, von dem wir nicht nur lesen und hören und sprechen, sondern etwas, was wir erleben, erst dann erfüllt sie unsere Seele.
Der Apostel der Liebe spricht es aus: »Seht, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, daß wir Kinder Gottes heißen sollen! Und wir sind es« (1. Joh. 3,1). Ja, laßt uns die Gnade betrachten, daß Gott uns zur Kindschaft erlöst. Er wünscht uns nicht als Sklaven, die vor der Stimme des Herrn erzittern und seinen Befehlen nur widerwillig gehorchen. Nein, er schafft seine menschlichen Feinde um zu seinen Freunden und gibt uns den Geist der Sohnschaft, der vertrauensvoll ruft: Abba, lieber Vater!
Darum ist das Christentum die innere Befreiung und das Glück des Menschen. Daher ist das christliche Leben das wahre und gesunde Leben.
Gott liebt uns los von der Sünde. Kann man sich Schöneres vorstellen? Mit der Glut seiner Liebe schmilzt er die Ketten, mit denen die Sünde uns fesselt. Mit seiner Liebe lockt er in seine Gegenwart und macht uns Mut, ihm die Wahrheit zu sagen. Von diesem Augenblick an kann er uns die ganze Herrlichkeit
der unsichtbaren Welt erschließen. Und je mehr wir in dieser Welt Gottes leben, um so leichter sagen wir nein zur Sünde und desto vorsichtiger werden wir allen Versuchungen gegenüber. Wir erleben ein neues, reiches Leben, wofür wir gern und mit Freuden das alte hingeben. Ich meine nicht, daß der Wiedergeborene sündenfrei sei. Das wäre ein Irrtum. Auch der Wiedergeborene wird erleben, daß es ihm an Lust fehlt zu Gottes Wort und zum Gebet,
und daß er Gottes Willen nur ungern tut. Er wird sogar schmerzlich erleben, daß er Lust zur Sünde fühlt. Aber er kennt nun den Trost des Apostels an redliche Seelen: »Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt; und wenn jemand sündigt – wir haben einen Beistand
bei dem Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt« (1. Joh. 2,1-2). Er weiß nun, daß die einzige Möglichkeit, die Sünde zu überwinden, darin besteht, von neuem Gottes Liebe in seinem
Herzen zu erleben. Daher geht er zu seinem Erlöser, sagt ihm die Wahrheit, daß er nicht Gott, sondern die Sünde liebt, und bittet ihn, daß er aus lauter Gnade in sein Herz einkehren und seine laue Seele durchwärmen möge mit seiner wunderbaren Liebe. Das ist das eigentliche Geheimnis der Heiligung.

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