Christentum und Sozialismus, Gerhard Bergmann

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1. KAPITEL
Die verschiedenen Antworten
Christentum und Sozialismus sind vereinbar
Es gibt unter uns Personen und Kreise, die es als eine historische Aufgabe ansehen, Christentum und Sozialismus miteinander zu vereinigen, weil sie von der geistigen Vereinbarkeit dieser beiden Größen grundsätzlich überzeugt sind.
So gibt es in unseren Tagen die Vereinigung »Christen für den Sozialismus«. Auf ihrem ersten lateinamerikanischen Kongreß 1972 in Santiago/Chile heißt es im Schluß dokument im Blick auf die Christen: Aus allen Mitkämpfern sollen »Genossen und Verbündete einer gemeinsamen revolutionären Sache« werden. Dies berichtet das Buch »Christentum und Sozialismus« mit seinem eindeutigen Untertitel »Vom Dialog zum Bündnis« (Seite 27, herausgegeben von Dorothee Sölle und Klaus Schmidt).
Helmut Gollwitzer, Professor für Theologie an der Freien Universität Berlin, zitiert in seinem Buch »Forderungen der Umkehr« u. a. zwei programmatische Aussprüche. Der erste ist von dem Sozialdemokraten Adolf Grimme, der von 1930-1932 preußischer und von 1946-1948 niedersächsischer Kultusminister war:
»Sozialisten können Christen sein; Christen müssen Sozialisten sein.«
Das zweite Zitat ist von Karl Barth. Diesen Satz hat Karl Barth bereits am 14. 2. 1915 vor Schweizerischen Sozialdemokraten in seinem Vortrag über »Krieg, Sozialismus und Christentum« gesprochen:
»Ein wirklicher Christ muß Sozialist werden (wenn er mit der Reformation des Christentums Ernst machen will). Ein wirklicher Sozialist muß Christ werden (wenn ihm an der Reformation des Sozialismus gelegen ist).«Zu diesen beiden Sätzen stellt H. Goliwitzer fest:
»Das Wort Sozialismus hat bei aller Weite Bestimmtheit genug und bei aller Bestimmtheit genug Weite, um jene Sätze zu christlich möglichen, ja notwendigen zu machen« (H. Goliwitzer, Forderungen der Umkehr, Beiträge zur Theologie der Gesellschaft, 1976, S. 177).
Denn die »Reformation des Christentums und die Reformation des Sozialismus« sind nach H. Goliwitzer »ein und dieselbe Sache«. In der Zeitschrift »Evangelische Kommentare« vom Mai 1973 meint H. Gollwitzer: »Wir sollten uns freuen, wenn Christen und Pfarrer in die DKP hineingehen, sofern ihr politisches Urteil ihnen das nahelegt. «
Karl Barth vertrat die Vereinbarkeit von Christentum und Sozialismus auch in seinen späteren Jahren. Er schreibt:
»Wer den Kommunismus nicht will - und wir wollen ihn alle nicht -‚ der . . . stehe für einen ernsthaften Sozialismus« (K. Barth, zitiert bei E. Busch in: Karl Barths Lebenslauf, S. 396).
Aus diesem Grunde wurde Barth im Jahre 1931 Mitglied der SPD.
Gleichzeitig warnt er aber vor einem Antikommunismus. Antikommunismus rechnet er zum »kalten Krieg«. So schreibt er: »Ich halte den prinzipiellen Antikommunismus für das noch größere Übel als den Kommunismus selber. . . Hatte man vergessen,
daß nur der >Hitler in uns< ein prinzipieller Antikommunist sein kann? . . . Ich denke. . .‚ daß es Auftrag der christlichen Kirchen gewesen wäre,. . . durch ihr überlegenes Zeugnis vom Frieden und von der Hoffnung des Reiches Gottes zur Hilfe zu kommen« (a. a. 0., S. 397). Darin folgt ihm sein späterer Schüler EberhardJüngel. »Muß man. . . Antikommunist sein? Ich behaupte: auf keinen Fall!
Ist Antikommunismus auch nicht die Grundtorheit unserer Epoche, wie Thomas Mann meinte, so doch eine ausgesprochen politische Torheit« (Müssen Christen Sozialisten sein? Herausgegeben von W. Teichert, 1976, S. 116). Dieser Lehrer an der theologischen Fakultät in Tübingen meint in bezug auf den Sozialismus:
»Der Sozialismus ist eine, aber nicht die einzige Möglichkeit, die Welt . . . freier und gerechter zu machen« (a. a. 0., S. 116).
Da er diesen Satz als Christ schreibt, steht auch hinter diesem der Gedanke, daß Sozialismus und Christentum eben doch vereinbar seien.
Wird hier der Sozialismus noch als eine Möglichkeit unter anderen angesehen, »die Welt freier und gerechter zu machen«, so bleibt im folgenden gar keine Auswahl mehr. In einem Offenen Brief vom 15. Juni 1974 schreibtPastorin Edda Groth: » Der einzige Ausweg aus dem gegenwärtigen System und seinen Mechanismen heraus ist der Weg zum Sozialismus, wie er uns beispielsweise im Aufbau des Sozialismus in China gezeigt wird« (E. Groth: Offener Brief in epd-Dokumentation Nr. 32/1974 vom 8. Juli 1974, S. 48).
Die Evangelische Studentengemeinde in München ist der Überzeugung, daß der Sozialismus »die dem Evangelium gemäßere Gesellschaftsordnung« sei. Vom 27. September bis 3. Oktober 1968 kamen in der Stadt Celle 60 Theologie-Studenten, Vikare und Pfarrer zusammen. Dort kam es zu der nach dem Ort benannten »Celler Konferenz«. Auf der im März 1969 stattfindenden »2. Celler Konferenz« mit ihren ca. 200 Teilnehmern hieß es in ihrer Verlautbarung:
». . . In Zukunft wird man nie wissen, ob nicht im schwarzen Rock ein Roter steckt . . . Wir sind linke Theologen, die sich zusammenschließen, um in der Kirche Raum zu schaffen für ihre revolutionäre politische Tätigkeit. Sozialisten aller Landeskirchen, vereinigt euch!« (Artikel: »Partisanenstrategie« in Radius, März 1969, S. 48). Hier sprechen sich vorwiegend junge Theologen nicht nur für die Vereinbarkeit von Sozialismus und Christentum aus, sondern sie fordern sogar entschieden den Sozialismus. -
Nun könnte jemand einwenden, hier handle es sich um eine zahlenmäßig kleine Gruppe. Das stimmt, soweit es die Organisation und Mitgliedschaft betrifft. Aber ein Blick ins Nachbarland Frankreich zeigt folgendes:
Auf dem 20. Kongreß der französischen kommunistischen Partei stellte diese sich als die »Partei der ausgestreckten Hand« vor. Damit versuchte sich die kommunistische Partei ein neues Image zu geben. Zusammen mit den Sozialisten waren sie sich einig, daß der Aufbau des Sozialismus nicht ohne Zustimmung der Millionen christlicher Arbeiter, aber auch nicht ohne Respekt vor ihrem christlichen Glauben, erfolgen könne.
Werden die Christen die ausgestreckte Hand ergreifen? Laut Meinungsumfrage halten 77 (siebenundsiebzig!) Prozent der Franzosen es für möglich, gleichzeitig Christ und Anhänger einer sozialistischen Gesellschaftsordnung zu sein. Aber wird eine sozialistisch-kommunistische Volksfront, wenn sie an die Macht gekommen ist, nicht das Vertrauen mißbrauchen und die Christen ausbooten? Werden sie nicht Bürger zweiter Klasse sein? Dazu erklärt der Chefredakteur einer bekannten französischen Linkszeitung: »Ich glaube, das ist absolut ungerechtfertigt; denn das gemeinsame sozialistisch-kommunistische Programm sieht im Gegenteil die Gleichberechtigung aller vor: die Entfaltung des Individuums.«
Werfen wir einen Blick auf Kuba. Dort wird seitens der sozialistisch-kommunistischen Machthaber die Vereinbarkeit von Christentum und Sozialismus beteuert. So erklärte Fidel Castro, in punkto sozialer Verantwortung seien sie mit den Christen verbunden. Was aber die Fragen der »Transzendenz« betreffe, »so können wir verschiedener Meinung sein, und wir wollen uns darüber nicht streiten. Worüber wir aber einer Meinung sein müssen, ist über das Privateigentum und auch darüber, daß kein Mensch einen anderen Menschen ausbeuten, noch den Arbeiter um seinen Mehrwert bringen darf« (Ch. Modeen, Christen in Kuba, Radiovortrag im WDR III vom 11. 4. 1977).
Der kubanische Theologe Migel Manza bezeugt, daß Kuba für die sogenannte »Theologie der Befreiung« eine »bedeutende Rolle gespielt« hat, ebenso der » Glaube als Praxis der Befreiung« (Ch. Mo-deen, a. a. 0.). Der kubanische evangelische Theologe Rene Caste-lanus empfiehlt uns: »Studiert, was in Kuba passiert. Seid nicht mißtrauisch über die hiesige Situation . . . ohne genaue Analyse« (Ch. Modeen, a. a. 0.).
Wir müssen feststellen, daß nicht nur in Westeuropa, sondern auch in Mittelamerika sowohl Christen als auch Sozialisten mit Nachdruck die Vereinbarkeit von Christentum und Sozialismus vertreten.
Im Gegensatz zu diesen Stimmen, bei denen Christentum und Sozialismus vereinbar sind, wenn nicht sogar wie zwei Ströme zu einem gemeinsamen Strom zusammenfließen, gibt es die andere Überzeugung:
Christentum und Sozialismus sind nicht vereinbar
Die an christlichen Wertvorstellungen orientierten Parteien in Europa halten eine Vereinbarkeit von Christentum und Sozialismus nicht für möglich. Auch das Oberhaupt der katholischen Kirche geht in diese Richtung. So haben z. B. die päpstlichen Sozialenzykliken bis zum Jahre 1967 bestritten, daß Sozialismus und Katholizismus vereinbar seien. Papst Pius XII. hat sogar aktive Kommunisten exkommuniziert. Hingegen bemühen sich die sozialistischen Parteien in wachsender Weise, die Vereinbarkeit von Sozialismus und Christentum zu betonen. Sie versuchen dies mit entsprechenden Gründen zu untermauern.
Ein bedeutender Vertreter der Nichtvereinbarkeit von Sozialismus und Christentum ist der 1890 geborene deutsche Sozialwissenschaftler Oswald von Nell-Breuning. In umfangreichen Arbeiten vertritt er die christlich-katholische Wirtschafts- und Gesellschaftslehre des Solidarismus, d. h. er leitet aus dem Prinzip der Solidarität - der wechselseitigen Verbundenheit und Mitverantwortung der Mitglieder einer Gruppe, einer Klasse oder Gemeinschaft - ein Ordnungssystem ab, das insbesondere auf dem Gebiet der Wirtschaft seine Anwendung findet.
Es gibt ein Buch in unseren Tagen, das in kurzer Zeit verschiedene Auflagen erlebte: »Rotbuch Kirche.«
An diesem Buch arbeiteten besonders jüngere evangelische Theologen mit. Sie geben jeweils einen Beitrag zu verschiedenen Gebieten. Dieses Buch ist ein Ausdruck dafür, daß die jüngere Generation sich weithin vom Sozialismus abwendet und ihm kritisch begegnet. Das Buch erhebt gegenüber weiten Kreisen innerhalb der evangelischen Kirche den Vorwurf, daß sie linkslastig seien. Die Ausführungen dieses Buches stießen bei vielen auf heftigste Kritik. Andererseits findet es eine wachsende Zustimmung, besonders auch durch katholische Theologen und »Laien«.
Ein namhafter Philosoph unserer Tage ist Günter Rohrnioser, der 1977 die Arbeit »Zeitzeichen, Bilanz einer Ära« vorgelegt hat. Aber auch in kürzeren Arbeiten versucht er, die Unvereinbarkeit von Christentum und Sozialismus nachzuweisen, so z. B. in der Schrift »Welche Art von Sozialismus bedroht unsere Freiheit?«
Durch das Für und Wider werden wir herausgefordert.
Zur Urteilsfindung ist es gut, sich zunächst kurz die Verhältnisse zu vergegenwärtigen, die sich am Weg des Sozialismus vorfanden.

2. KAPITEL
Die sozialen Verhältnisse - damals
Den Sozialismus können wir in seinem Anliegen nur dann recht würdigen, wenn wir die herrschenden sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse bedenken, die Grund zur Entstehung und Entwicklung der sozialistischen Bewegung waren. Vergegenwärtigen wir sie uns kurz.
Die Wohnverhältnisse
Arbeiterbewegung und Sozialismus sind nicht zu trennen von dem im 19. Jahrhundert heraufsteigenden Maschinenzeitalter und der damit einsetzenden Industrialisierung. Die Industriewerke zogen als Erwerbsquelle viele Menschen an. Damit setzte die Landflucht ein. Zahlen beweisen das am besten. Im Jahre 1875 wohnten in Deutschland 26 Millionen Menschen, das sind 61 Prozent, auf dem Land (Land-, Klein- und Mittelstädte ausgenommen). Im Jahre 1910 dagegen wohnten trotz der Bevölkerungszunahme auch nur 26 Millionen - jetzt aber bloß 40 Prozent - auf dem Lande, wohingegen die Zahl der Großstadtbewohner von 2,7 Millionen (= 6,2 Prozent) im Jahre 1875 auf 13,8 (= 21 Prozent) im Jahre 1910 emporschnellte. Dieser Strom in die Stadt führte zur Menschenanstauung, sie wiederum zur Wohnungsnot und zum Wohnungselend. So lautet zum Beispiel der Bericht eines Arztes aus dem Jahre 1853 über den Zustand der »Proletarierwohnungen« in Breslau: »Die Wohnungen der arbeitenden Klassen sind meistens zu den Höfen hin gelegen. Die geringe Menge frischer Luft, welche die benachbarten Häuser zulassen, wird durch die . . . Abtritte völlig verunreinigt

Mit großer Sachlichkeit bemüht sich Dr. Bergmann um dieses Thema. Es ist eines der wichtigsten unserer Zeit. Es geht ihm darum, die geistigen Wurzeln der Vergangenheit freizulegen, die Gegenwart zu verstehen und Wege in die Zukunft zu weisen.

Sozialismus und Kommunismus sind von Laien oft verwechselt worden. Mangelnde Sachkenntnis führte dazu, daß aus christlicher Sicht entweder falsch oder gar nicht mehr argumentiert werden konnte. Sozialismus aber muß differenziert gesehen werden. Wie ist er entstanden? Wie prägt er das politische Leben der Gegenwart? Sind Sozialismus und Christentum unvereinbare Gegensätze?

Ein wichtiges Buch für alle, die Zusammenhänge verstehen möchten. Und für Leute, die als Christen eine begründete Stellung beziehen möchten.

Verlag:     Hänssler
Einband:     Paperback
Seitenzahl:     190
Format:     20,5x13cm
Zustand:     leichte Gebrauchsspuren
Gewicht:     290 g
gebraucht
Bestell-Nr: BN0820
Autor:       Gerhard Bergmann
Titel:     Christentum und Sozialismus
ISBN:     3775104070

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