So sah ich die Welt, Herbert Gezork

  • So sah ich die Welt, Herbert Gezork
viel Optimismus wenig Geld für die Weltreise nicht mit Augen eines Forschers oder Entdeckers, sondern mit dem jugendfrischen Humor eines wachen,  mit beiden Beinen im Leben stehenden Menschen. Gerade dies ist dazu angetan, uns manche Probleme fremder Völker und Länder  verständlich zu machen.
Nur wenige Reiseschilderungen können den Anspruch erheben, lange Zeit hindurch aktuell zu bleiben und ihren Reiz zu behalten. Dieses Buch jedoch nimmt man immer wieder zur Hand, um sich spannend und amüsant unterhalten zu lassen und einen Einblick in die Zusammenhänge unserer Weltprobleme zu erhalten. In der christlichen Einstellung des Verfassers liegt vielleicht der Schlüssel zur Lösung mancher Fragen, die uns bewegten, heute noch bewegen und morgen hoffentlich einer  Lösung entgegengehen. Die weite Verbreitung in nun 83000 Exemplaren ist derbeste Beweis dafür, daß mit diesem Buch die  Entspannung und Anregung gegeben wird, nach der der Mensch von heute in der humorlosen und bedrängten Gegenwart sucht.
 
- New York: Schmelztiegel der Völker 
- Ich werde Briefträger, Fabrikarbeiter und allerlei anderes 
- Mary macht uns viele Sorgen 
- Momentbilder aus USA 
- Amerikanisches Christentum 
- Gen Westen 
- Sturmfahrt über den Pazifik 
- Weihnacht unter Vagabunden 
- Erster Tag in Japan 
- Ein Japaner - ein Lächeln 
- An heiligen Orten 
- Allerlei Japanisches 
- Ein Volk ohne Raum 
- Im Zwischendeck 
- „Bujau... Bujau!" 
- Ungemütliche Reise zwischen Spucknäpfen 
- China, wie es leibt und lebt 
- Menschen und Abenteuer in Schanghai 
- Begegnung mit Kagawa 
- Der blutende Riese 
- An indischen Straßen 
- Wie ich zu Gandhi kam 
- Freiheitskampf ohne Gewalt 
- Frauenschicksal in Indien 
- Besuch bei Rabindranath Tagore 
- Mutter Ganga 
- Die Mission des einsamen Sterns 
- Seltsames Erlebnis in Trichinopoly 
- Mr. Globetrotter und die Missionare 
- Wohin gehst du, Asien 
- Am Rand der Wüste 
- „Jerusalem! - Jerusalem!" 
- Wie ein Auge Gottes 
- Heimkehr
 
New York: Schmelztiegel der Völker
An einem Spätnachmittag nähern wir uns der amerikanischen Küste.. Es ist Sonntag, und deshalb können wir noch nicht an Land gehen; die Hafenbeamten wollen auch ihren Feiertag haben. So liegen wir die ganze Nacht draußen auf dem offenen Meere vor Anker. Unerträglich heiß ist's in den Kabinen; wir verbringen die Stunden an Deck, plaudernd, voll nervöser Erwartung dessen, was vor uns liegt. Der Lichter schein New Yorks leuchtet schon zu uns herüber, über Coney Island, dem riesigen Vergnügungspark der New Yorker, zuckt und flimmert es von Millionen elektrischer Kerzen. Hoch am Himmel steht eine gewaltige Lichtreklame von Wrigleys Kaugummi.

Am anderen Morgen gleiten wir in den Hafen hinein, vorbei an der berühmten Freiheitsstatue, die die rechte Hand mit der Fackel gen Himmel streckt. Und nun steigt aus Dunst und Nebel die gewaltige Silhouette New Yorks vor uns auf - Wolkenkratzer, die bis in den Himmel zu ragen scheinen, die Straßen dazwischen wie tiefe dunkle Schächte. Einstmals - vor etwa dreihundert Jahren - haben die Indianer diese Halbinsel Manhattan den holländischen Siedlern und Kaufleuten für ein paar Fässer Schnaps verkauft, heute ist hier jeder Fußbreit Bodens Tausende Dollars wert. Und weil man sich einfach nicht mehr ausbreiten konnte, und weil die Geschäftshäuser doch möglichst nahe beieinander liegen müssen, so hat man eben in die Tiefe und in die Höhe gebaut, sieben, acht Stockwerke in den Felsboden, siebzig, achtzig Stockwerke in die Wolken. Ich gelange heil und unversehrt durch die Hände einer Menge von Beamten. Sie passen mächtig auf, daß ihnen keiner durch die engen Maschen der Einwanderungskontrolle ins gelobte Land Amerika schlüpft; denn ist er erst einmal drin, so wird er schwer zu finden und wieder herauszubringen sein.
 
An der Seite eines deutsch-amerikanischen Freundes, der New York wie seine Tasche kennt, wandere ich durch diese rasende, donnernde,
brüllende Stadt. Berlin kommt mir wie ein Dorf vor, verglichen mit New York. Straßenbahnen, Untergrund- und Hochbahnen, Omnibusse und Autos, Autos, Autos. In einer der belebtesten Straßen klafft dicht neben dem Bürgersteig ein riesiges Loch, eine tiefe Schlucht, in der-Menschen wie Ameisen herumwimmeln. Ohrenbetäubender Lärm tönt herauf. Da bohren sie sich in den Felsboden hinein, immer tiefer; aber nach ein paar Monaten wird man hier schon das erste Dutzend Stockwerke eines neuen riesigen Wolkenkratzers sehen. Alles in dieser Stadt scheint ins Übermaß zu gehen: die Bauten, der Verkehr, der Lärm, die Eile.
In dem allgemeinen Hasten aber kommen mir wie kleine menschliche Schutzinseln die „Cops" vor, die Polizisten. Sie sind von einer unerschütterlichen Ruhe und einer bezaubernden Gemütlichkeit. Da stehen sie mitten auf der Straße, schlenkern mit den Gummiknüppeln und regeln lächelnd den gewaltigen Verkehr; ihr guter Humor scheint sie nie zu verlassen. Mit den Chauffeuren, den Karrenschiebern und den Straßenbahnführern scheinen sie auf freundschaftlichem Fuße zu stehen; sie winken, grüßen, rufen ein Scherzwort hinüber. Man hat den Eindruck, daß ihnen ihr schwerer Dienst riesigen Spaß macht.
Nun wandern wir durch Walistreet, eine schmale Straße zwischen gewaltigen Bankhäusern. Mit einem Gefühl, gemischt aus Bewunderung und Schrecken, schaue ich zu diesen steinernen Palästen empor, in denen die Geldkönige der Welt sitzen. Hier laufen die Fäden jener Wirtschaftskonzerne zusammen, die die ganze Erde umspannen. Hier wird Weltpolitik im wahrsten Sinne des Wortes gemacht.
Dann fahren wir nach den Einwanderervierteln hinüber. Und hier wird mir erst, mehr noch als am Hafen, die besondere Bedeutung dieser Riesenstadt klar: New York ist das Einfalltor für Amerika, es ist der große Schmelztiegel vieler Rassen und Völker. Hier sind sie angekommen, die Überzähligen Europas, und hier, in den Einwanderervierteln, fanden sie ihre erste Heimat in der neuen Welt. Natürlich zog es jeden zu seinen Volksgenossen, die schon seit längerer Zeit hier waren, die seine Sprache redeten und ihm beim Einleben in diesem Lande helfen konnten. So entstanden die Griechen-, die Italiener-, die Juden- und die Armenierviertel New Yorks; fast jedes Volk hat hier seinen Stadtteil. Und jeder dieser Stadtteile hat sein bestimmtes Gepräge.
 
Schmutzig genug ist es allerdings in diesen Straßen. Allerlei Unrat, verfaultes Obst, alte Zeitungen, weggeworfene Kleidungsstücke liegen herum. Die Häuser, rote Ziegelbauten, sind grundhäßlich mit den eisernen Feuertreppen an den Fassaden und den oft gardinenlosen Fenstern. Aber wenn man sich vorstellt, aus was für armseligen Hütten und Löchern viele dieser Zugewanderten kommen, wie elend ihr Dasein drüben in Polen oder auf dem Balkan war, dann kann man verstehen, daß sie sich hier ganz wohlfühlen; und zudem: Sie hoffen ja alle, nicht immer hier in diesen Stadtteilen wohnen zu bleiben. Ist nicht mancher herübergekommen, nur mit einem Bündel in der Hand, in dem alles war, was er besaß, und heute bewohnt er im vornehmen Westen einen prächtigen Palast? Warum soll's uns nicht auch glücken? Und wenn nicht uns, dann vielleicht unseren Kindern! So denken und hoffen sie. In manchen dieser Straßen fühlt man sich wie in den Orient oder nach Südeuropa versetzt. Ein Teil des Lebens dieser Menschen spielt sich während der heißen Sommerszeit überhaupt außerhalb der engen Wände ihrer Mietswohnung ab, die ohnehin für den Kinderreichtum dieser Familien oft nicht recht ausreicht. Besonders des Abends sitzt alles, alt und jung, auf den Steintreppen vor den Häusern, oft bis lange nach Mitternacht. Hier aber sieht man auch den einschneidenden großen Unterschied zwischen den Generationen, besonders bei den Frauen. Die Mütter ganz so, wie du sie in Neapel oder Lodz oder Bukarest antriffst: fett, schlampig, mit unordentlichem Haar, in Nachtjacke und ausgetretenen Filzpantoffeln; die Töchter schon ganz Amerikanerinnen, gertenschlank, im modernen Kleid, in Seidenstrümpfen und Stökkelschuhen.
Man muß es dem amerikanischen Volke lassen, daß es viel tut, um diesen Einwanderern die Wege zu ebnen. Kaum hat sich eine Familie niedergelassen, so erhalten die Kinder schon eine Einladung zur Schule, die Kleinen zum Kindergarten. Den Erwachsenen, die tagsüber ihre Arbeit tun, stehen ausgezeichnete Abendschulen kostenlos zur Verfügung, in denen sie vor allem Englisch, aber auch alles andere lernen können. Kirchengemeinden bringen große Opfer, um den meist blutarmen Immigranten zu helfen. Dann gibt es in allen größeren amerikanischen Städten eine Menge jener Settlements, d. h. Siedlungen, in denen gebildete Männer und Frauen mitten unter den Einwanderern stehen, um ihnen nahezukommen und mit Rat und Tat zu dienen.
Jene Europäer, die nicht genug vom amerikanischen Mammonismus, von der Jagd nach dem Dollar, die hier herrsche, reden können, sollten doch nicht den hingebenden Dienst vergessen, der von Kirchen, Settlements und sozialen Klubs geschieht, um den aus dem alten Heimatboden entwurzelten Menschen das Einleben in der neuen Heimat leichter zu machen, um ihnen festen Boden unter die Füße zu geben und um in ihr oft schweres Dasein etwas von dem hineinzutragen, was das Leben verklärt und erhöht.
 
Ich werde Briefträger, Fabrikarbeiter und allerlei anderes
„Selbst ist der Mann!" Das ist der Grundsatz, der schon dem kleinen amerikanischen Jungen eingetrichtert wird. Jeder setzt seine Ehre darein, möglichst jung auf eigenen Füßen zu stehen, sich etwas zu verdienen. Sie haben mir immer mächtig imponiert, die kleinen Bengels, die mit blaugefrorenen Händen an den Straßenecken stehen und Zeitungen verkaufen, oder jene, die mit einer Zigarrenkiste voll Stiefel-
gebraucht
Bestell-Nr.: BN6964-20
Autor/in: Herbert Gezork
So sah ich die Welt - Aus einem Weltreise Tagebuch
ISBN: 3789333514 (ISBN-13: 9783789333514)
Format: 18 x 11 cm
Seiten: 205
Gewicht: 168 g
Verlag: Oncken Verlag
Erschienen: 1989
Einband: Taschenbuch
Sprache: Deutsch
Zustand: leichte Gebrauchsspuren

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Verfügbarkeit: noch 1 Exemplar